Medienhaus Brune|Mettcker
  • Anzeiger für Harlingerland
  • Jeversches Wochenblatt
  • Wilhelmshavener Zeitung
  • Shop
  • Tickets
  • Werben
  • Kontakt
 
Lokal26.de Friesland

Einrichtung in Horumersiel: Mutter-Vater-Kind-Klinik in Horumersiel muss weiter geschlossen bleiben

30.05.2020
Frage: Herr Bruns, Sie sind Geschäftsführer der Friesenhörn-Nordsee-Kliniken in Horumersiel und Dangast. Die Landesregierung hat mittlerweile einige Lockerungen der Corona-Maßnahmen zugelassen. Spüren Sie diese auch bereits?
Thomas Bruns: : Nein. Denn unsere Häuser sind immer noch geschlossen.
Frage: Wie kommt das?
Bruns: : Es gibt immer noch zahlreiche Fragen, die für uns ungeklärt sind. In jeder neuen Verordnung, die veröffentlicht wird, schauen wir, ob wir betroffen sind und bislang gab es keine expliziten Hinweise zu unserer Arbeit. Das bedeutet, wir müssen sehen, welche Verordnungen für uns relevant sind. Wir gehören grundsätzlich zum Bereich Vorsorge und Rehabilitation, aber die Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder sind besonders, was das Niedersächsische Ministerium in den Verordnungen leider nicht berücksichtigt. Selbst Nachfragen beim Ministerium verliefen bislang ergebnislos.

Klinik nimmt eine Sonderstellung ein

Frage: Warum scheint die Einordnung Ihrer Einrichtung denn so schwierig?
Bruns: : Wir nehmen hier eine Sonderstellung ein, denn in keinem anderen Bereich werden Erwachsene gemeinsam mit ihren Kindern aus dem ganzen Bundesgebiet in eine stationäre Gesundheitsmaßnahme in Gesundheitsregionen Deutschlands entsandt. Nehmen Sie beispielsweise die Verpflegung. Wir sind kein öffentlicher Gastronomiebetrieb, verköstigen aber unsere Patienten. Gelten jetzt die Regelungen für Restaurants auch für uns? Oder die Kinderbetreuung. Nach der neuen Verordnung dürften wir in unseren Horten nur 50 Prozent der Kinder aufnehmen. Das heißt aber im Umkehrschluss auch, dass wir nur 50 Prozent der Mütter oder Väter aufnehmen dürfen. Das wären in Horumersiel knapp 80 Erwachsene Gilt das nun wirklich? Abschließend beantwortet sind diese Fragen aus unserer Sicht nicht. Auch die Fragen nach der Durchführung von Therapien oder nach der Schutzausrüstung sind nicht abschließend geklärt. Zudem betreuen wir hier Familien aus ganz Deutschland und wie sollen wir Vier- oder Fünfjährigen die Abstandsregelungen erklären? Die Kinder fassen sich nun mal ins Gesicht. Und man weiß immer noch nicht, wie sich das Virus auf Kinder auswirkt. Sie können keine Symptome zeigen, sind aber durchaus Überträger, sprich das Infektionsrisiko wäre bei uns sehr hoch. Und im Endeffekt haften wir dafür, wenn Kontaktbeschränkungen nicht eingehalten würden. Spätestens die Vorfälle im Landkreis Leer zeigen uns: Das Thema ist eben doch noch lange nicht durch.
Frage: Darum sind diese Fragen für Sie so ausschlaggebend?
Bruns: : Richtig. Sollte die Klinik bei einem positiven Covid-19-Fall unter Quarantäne gestellt werden, könnten die Krankenkassen als Kostenträger die Kostenübernahme ablehnen. Was dann? Auch ist zu berücksichtigen, dass kleine Kinder Angst bekommen, wenn Sie bei bestimmten Therapien wie Atemgymnastik eine Trainerin in Vollschutzbekleidung vor sich sitzen haben, die an einen Imker oder Astronauten erinnern. Das darf nicht sein.

Telefonkonferenz mit weiteren Einrichtungen

Frage: Sie haben in dieser Woche mit 24 weiteren Einrichtungen in Niedersachsen in einer Telefonkonferenz gesprochen, in der es um die Erarbeitung von Leitlinien ging. Was ist dabei herausgekommen?
Bruns: : Die Erkenntnis, dass wir gemeinsame Leitlinien benötigen, um so bald wie möglich wieder in Betrieb zu gehen. Diese Leitlinien werden derzeit erarbeitet. Denn bestimmte Angebote können wir mit den Beschränkungen nicht darstellen. Es soll darum gehen, wie wir trotz Abstandsregelung die Therapieziele erreichen können. Zum Beispiel Kinder nur ab einem bestimmten Alter aufzunehmen.
Frage: Damit schließen Sie natürlich andere Familien aus.
Bruns: : Das stimmt. Aber irgendwo müssen wir ansetzen, denn die Nachfrage ist groß. Allein in den vergangenen Wochen mussten wir über 1300 Anfragen ablehnen. Und für die Familien, die ja nicht umsonst eine solche Therapie wollen und die zum Teil sehr lange auf die Bewilligung gewartet haben, bedeutet diese Absage eine zusätzliche psychische Belastung. Das ist für die Beteiligten eine Katastrophe. Wir versuchen das derzeit mit viel telefonischer Beratung aufzufangen. Aber wir müssen immer wieder klar machen, dass wir nicht leichtsinnig Infektionsketten riskieren.

Ausgleichszahlungen des Bundes reichen nicht aus

Frage: Hat denn diese Zeit der Schließung auch wirtschaftliche Folgen für Sie?
Bruns: : Natürlich. Wir sind als systemrelevante Einrichtungen zwar im Rettungsschirm der Bundesregierung enthalten, doch reichen diese Ausgleichszahlungen nicht, um die Krise schadlos zu überstehen. Wir haben Kurzarbeit für die Mitarbeiter angemeldet und über unsere Hausbank zusätzliche Darlehen in Anspruch genommen. Dazu werden die bestehenden Reserven im Unternehmen verbraucht. Wir hoffen, dass dies bis zum Ende der Krise reichen wird.
Frage: Gibt es ein Szenario, in dem Sie wieder öffnen können?
Bruns: : Wir planen den Teilbetrieb am 24. Juli in Horumersiel und am 1. Juli in Dangast aufnehmen zu können. Dafür wäre es wünschenswert, wenn sich die Kontaktsituation zwischen den Einrichtungen und dem Ministerium in Hannover verbessert und unsere Leitlinien dort Anklang finden.

Sebastian UrbanczykFrieslandredaktion

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.