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Lokal26.de Friesland

Ausbildung: Lieber auf dem Bau arbeiten als am Schreibtisch

28.01.2020

Friesland Wer auf dem Bau eine Ausbildung macht, gilt unter den Azubis als Spitzenverdiener. Während sich angehende Frisöre, Bäcker und Floristen mit Ausbildungsbeihilfen in Höhe von 500 bis 600 Euro begnügen müssen, bekommt ein zukünftiger Maurer schon im ersten Lehrjahr rund 850 Euro, im dritten Jahr etwa 1450 Euro. „Davon kann man sich schon eine Wohnung leisten“, sagt Bastian Lockmann.

Der Diplomingenieur ist geschäftsführender Gesellschafter der Heino Frerichs GmbH. Von den insgesamt 60 Beschäftigten absolvieren zurzeit sechs eine Maurer-Ausbildung. Dabei gilt jedoch mittlerweile für das jeversche Traditionsunternehmen: „Auch wir können nicht mehr aus 20 Bewerbern auswählen.“

Fast scheint es im Baugewerbe so, als müssten sich die Betriebe bei den jungen Leuten bewerben. So hat sich die Heino Frerichs GmbH erstmals bei der Ausbildungsmesse bei den Berufsbildenden Schulen (BBS) Jever präsentiert. Auch ist sich Lockmann sicher, dass das Renommee eines Unternehmens eine große Rolle spiele. Wichtig sei die Stimmung im Betrieb – Lob und Anerkennung steigere das Gefühl, wertgeschätzt zu werden. Trotz aller Bemühungen, den Betrieb für potenzielle Bewerber attraktiv dastehen zu lassen, liegen zurzeit gerade mal vier Bewerbungen für das Ausbildungsjahr 2020/21 vor.

Wie viele andere Verantwortliche in den Ausbildungsbetrieben beklagt auch Lockmann Defizite bei der sogenannten sozial-kommunikativen Kompetenz: Vor allem bei Auszubildenden mit problematischen Familienverhältnissen hapere es an der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sowie am Sozialverhalten.

Lesen Sie dazu auch: „Bessere Chancen als im Handwerk kann man nicht haben“

Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) fehlen in diesem Wirtschaftszweig jährlich bis zu 20 000 Auszubildende. Die Folge: Oft ist es leichter, einen Facharzt-Termin zu bekommen als einen Fliesenleger. Als Gründe sieht der ZDH sinkende Schülerzahlen und eine erhöhte Neigung zum Studium. Auch klagt der Verband über eine „Entwertung“ der dualen Ausbildung. Notwendig sei ein Bewusstseinswandel, die Gesellschaft müsse der beruflichen Ausbildung wieder mehr Wertschätzung entgegen bringen, heißt es.

Fachkräftemangel als größtes Geschäftsrisiko

Mittlerweile hat sich auch nach Einschätzung der Bauunternehmen der Mangel an verfügbaren Fachkräften zum größten Geschäftsrisiko entwickelt. Umfragen zeigen, dass die Betriebe noch bis etwa 2013/14 zu hohe Arbeitskosten als größtes Manko betrachtet haben – seitdem steht der Fachkräftemangel an erster Stelle.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass viele Ausbildungsbetriebe ihre Anforderungen an die Bewerber herunterschrauben. Bastian Lockmann gibt auch jungen Leuten eine Chance, die an einer Förderschule einen Hauptschulabschluss erlangt haben. Er rät, statt über den Umweg einer schulischen Weiterbildung sofort mit der Berufsausbildung zu beginnen – „um mehr Praxis zu bekommen“. Gute Erfahrungen hat der Geschäftsführer übrigens mit Auszubildenden mit Migrationshintergrund gemacht, unter anderem aus Rumänien, dem Libanon und dem Kosovo.

Insgesamt wurden im Jahr 2018 rund 55.000 Menschen in den Bauberufen ausgebildet, davon 6600 angehende Dachdecker, 2420 Fliesenleger und knapp 8300 Maurer. Zum Vergleich: Mit Beginn des Wintersemesters 2018/19 gab es mehr als 38.200 Architekturstudenten, sodass in der Branche schon geunkt wird, dass auf jeden Bauhandwerker bald ein Projektierer kommt. Gerade mal rund 2500 Menschen lernten in 2019 den Beruf des Straßenbauers. Weil in dieser Branche ein massiver Nachwuchskräftemangel herrscht, gibt es lange Wartezeiten bei der Auftragserfüllung. Die Folge: Viele Kommunen würden gerne in den Tiefbau investieren, es gibt jedoch nicht genug ausführende Unternehmen. 13 Prozent der Straßenbauunternehmen geben an, dass ihre Bautätigkeit aufgrund von Arbeitskräftemangel behindert wird.

Obwohl sich laut Lockmann aufgrund des anhaltenden Baubooms auch die Berufseinstiegschancen für Jung-Architekten verbessert haben, stünden frisch gebackene Maurer-Gesellen noch besser da, sogar von einer Job-Garantie ist die Rede. Mit rund 2650 Euro brutto kann sich auch das Einstiegsgehalt sehen lassen, das schnell auf etwa 3600 Euro steigt. Gesorgt haben dafür die starken Lohnsteigerungen „am Bau“ in den vergangenen Jahren mit Tarifabschlüssen bei teils fünf Prozent plus.

Vor diesem Hintergrund kann der Firmenchef nicht verstehen, dass trotzdem viele junge Leute studieren oder die kaufmännischen Berufe erlernen. Er erklärt sich diese Entwicklung auch mit einem gewissen Status-Denken der Eltern: „Mein Kind soll es einmal besser haben.“ Dabei seien die Berufs- und Aufstiegschancen sowie die Verdienstmöglichkeiten besser, als in vielen Schreibtischberufen.

Die Baubranche ist vielseitig und attraktiv

Das sah offensichtlich auch Ivan Hahn so, für den eine kaufmännische Ausbildung partout nicht in Frage kam. Der heute 21-Jährige hatte zunächst an den BBS Jever die Berufsfachschule Bautechnik absolviert und sich dann erfolgreich um einen Ausbildungsplatz bei dem jeverschen Bauunternehmen beworben. Hahn (mittlerweile im dritten Lehrjahr) betont: Das mit dem ständigen Steineschleppen sei ein Vorurteil. Die Arbeit auf dem Bau sei vielseitig, man sehe, „was man gemacht hat“.

Hinzu kommt, dass es in der Baubranche kaum noch auftrags- oder saisonbedingte Entlassungen gibt. Dass Mitarbeiter der Heino Frerichs GmbH mit Saisonkurzarbeitergeld (Vorläufer war das Winterausfallgeld) auskommen mussten, ist nach Lockmanns Einschätzung etwa 15 Jahre her. Um Spitzen bei den Arbeitszeiten im Sommer auszugleichen, hat das Unternehmen Arbeitszeitkonten eingeführt. Davon abgesehen besteht bei saisonbedingten Kündigungen für alle Wirtschaftsbranchen mittlerweile die Gefahr, dass die Mitarbeiter dann zu anderen attraktiveren Arbeitgebern wechseln, so vor allem in der Gastronomie.

Laut Lockmann haben Anfang der 2000er-Jahre viele Bau-Beschäftigte keine Perspektive in dieser Branche mehr gesehen und sind in andere Wirtschaftsbereiche abgewandert. Jedoch haben sich einige zunächst boomende Wirtschaftszweige als nicht so stabil erwiesen – zum Beispiel der Windkraftanlagen-Bau. Tatsächlich arbeiten zwei ehemalige Beschäftigte, die einst zur Enercon GmbH abgewandert waren, jetzt wieder bei dem jeverschen Bauunternehmen.

Jörg StutzFreier Mitarbeiter

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