Medienhaus Brune|Mettcker
  • Anzeiger für Harlingerland
  • Jeversches Wochenblatt
  • Wilhelmshavener Zeitung
  • Shop
  • Tickets
  • Werben
  • Kontakt
 
Lokal26.de Friesland

Freie soziale Dienste Friesland: Wenn das Einhalten von Abständen die Psyche belastet

03.06.2020

Friesland Schon für viele Menschen ohne psychische Vorbelastung ist die Corona-Zeit eine schwierige Zeit: Die Einschränkung sozialer Kontakte, die finanziellen Auswirkungen der Krise und die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus lösen Sorge und Unruhe, teils sogar Panik aus.

Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden jedoch besonders unter der Coronakrise, wie Vera Kropp von den Freien sozialen Diensten Friesland gGmbH (FSD) jetzt im Gespräch erläuterte. Die Sorge um Miete und Wohnen, das Einkaufen mit Mund-Nasen-Maske, das Einhalten von Abständen und vor allem das Wegbrechen von festen Alltagsstrukturen – „wenn man sich ohnehin psychisch auf dünnem Eis bewegt, kann das zu einem Problem werden“, so die die psychologische Pflegefachkraft, die den FSD-Fachbereich „Ambulante psychiatrische Dienste“ leitet.

Kropp sowie Marten Gäde (Fachbereichsleiter Eingliederungshilfe), Michael Thomßen (Pädagogischer Leiter ambulante Jugendhilfe) und Geschäftsführer Walter Langer stellten jetzt den neuen jeverschen FSD-Standort vor. Die Dienste sind Mitte März aus dem bisherigen Domizil an der Mühlenstraße ausgezogen und im idyllischen historischen Lükenshof untergekommen. Von hier aus betreuen die Fachkräfte 180 Menschen mit psychischen Erkrankungen und 60 Familien im Jeverland und im Landkreis Wittmund. Das Leitbild der ambulanten Unterstützung zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit der FSD. Damit wollen die Dienste dafür sorgen, dass körperlich und psychisch erkrankte Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben können.

Lesen Sie auch: Teenager in Europa berichten häufiger von mentalen Problemen

Ähnliches gilt für die ambulante Jugendhilfe, die Familien und Jugendliche in Problemlagen unterstützt. Vera Kropp ist überzeugt: Mit ihrer Arbeit haben die FSD in der Region dafür gesorgt, dass die Grenze zur stationären Unterbringung oder zur Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien „ein Stück weit verschoben“ worden sind: „Das Bewusstsein ist gewachsen, die Menschen zu unterstützen, um sie in ihrem sozialen Umfeld zu belassen.“

Kontakt halten

Anders als einige andere Betreuungsdienste hätten die FSD den Kontakt zu ihren Klienten auch in der Coronarise gehalten, betont Marten Gäde. Mit Blick auf die Infektionsgefahr hätten die Dienste die Hilfe jedoch sehr individuell gestalten müssen. Um den psychisch Erkrankten ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität zu vermitteln, haben die Mitarbeiter engen Telefonkontakt gehalten (Das Problem, das mittlerweile gelöst wurde: Anfänglich hatten die Kostenträger diese Telefonate nicht als Leistung anerkannt).

Jedoch haben Gäde und seine Kollegen nicht völlig auf den persönlichen Kontakt verzichtet. „Ich bin viel spazieren gegangen“, so der Sozialpädagoge über seine Strategie, bei Gesprächen im Freien die Ansteckungsgefahr zu verringern.

Dass diese Gespräche zurzeit besonders nötig sind, unterstreicht Vera Kropp. Die von der Coronakrise ausgelösten Ängste hätten zu einer „größeren Suizidgefahr bei einigen Klienten“ geführt. Besonders wichtig für die betreuten psychisch erkrankten Menschen sei nun die Rückkehr in gewohnte Strukturen. Von daher begrüßt es Gäde, dass Werk- und Tagesstätten wieder schrittweise öffnen.

Das Wegbrechen gewohnter Strukturen sorgt in Corona-Zeiten auch in vielen Familien für Probleme. Was die von den FSD im Südkreis und im Landkreis Wittmund betreuten Familien angeht, gibt Michael Thomßen jedoch Entwarnung: Der Sozialpädagoge hat – trotz anfänglicher Befürchtung – keine Zunahme bei häuslicher Gewalt festgestellt. Der FSD-Mitarbeiter räumt jedoch ein, dass wegen der Corona-Lage der „Einblick zurzeit schwierig“ sei. Ähnlich wie bei Menschen mit psychischen Erkrankungen brechen auch in den Familien zurzeit „die Strukturen weg“, die Eltern seien plötzlich in der Alleinverantwortung, so Thomßen. Dessen grundsätzliche Aufgabe ist es, in den Familien „die Eltern in die Erziehungsverantwortung“ zu bringen. Dabei reicht die Bandbreite der Unterstützung von der Babypflege bis zur Hausaufgabenhilfe.

Eltern sind kein Ersatz für die Schule

Thomßen rät Eltern, die schul- und kindergartenfreie Zeit mit den Kindern sinnvoll zu verbringen. „Viele haben auch selbst Ideen“, lobt der Pädagoge die Kreativität der Erziehungsberechtigten. Konflikte entzünden sich zurzeit vor allem an den Hausaufgaben. Geschäftsführer Walter Langer gibt zu bedenken, dass Eltern „nicht ein Ersatz für die Schule“ seien. Ähnlich äußert sich Thomßen: „Die Eltern sollten nicht den Anspruch haben, alles zu kontrollieren.“ Um den Familien „Ruhe zu geben“, nimmt er gelegentlich Kontakt mit den Schulen auf, damit das Hausaufgaben-Pensum verringert wird.

Ein Problem sind „Eltern, die schon Mühe haben, ihren eigenen Alltag zu bewältigen“ (Kropp). Dazu zählt beispielsweise der „psychotische Vater“, dessen Krankheit sich in der Coronakrise noch verfestigt hat – oder die depressive alleinerziehende Mutter, die praktisch von ihren Kindern versorgt wird. In diesen Fällen zahlt sich nach Ansicht von Thomßen aus, dass die FSD „interdisziplinär gut vernetzt“ sind und sowohl der psychiatrische Dienst als auch die ambulante Jugendhilfe gemeinsam tätig werden.

Weitere Nachrichten:

Landkreis Wittmund | FSD | Coronavirus

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.