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Lokal26.de Friesland

Kommentar: Hört endlich auf mit der Corona-Hexenjagd!

27.03.2020

Friesland Es ist einer von vielen Kommentaren in öffentlichen Facebook-Gruppen, die mich in diesen Tagen immer wieder erschrecken: Ein aufmerksamer Spaziergänger schreibt, dass er auf der Straße gerade einen Mann in der Nähe eines Kiosks gesehen hat. Mit einem Bier in der Hand. Ob es diese Leute denn immer noch nicht verstanden hätten, fragt er und stellt sogleich klar: „Ich war nur mit meinem Hund draußen!“

Andere denunzieren Familien, die im Park gesehen wurden, machen Fotos von spielenden Kindern. Oder sie beschimpfen vermeintlich Auswärtige und wollen sie am liebsten mit brennenden Fackeln aus dem Ort jagen.

Stephan Giesers, WZ-Frieslandredaktion. Foto: Lübbe

Und was sagen die Entscheidungsträger? Wenn der Appell an die Vernunft der Bürger nicht mehr ausreicht, müssen strengere Regeln her und diese umgesetzt werden. Richtig, aber das sollten wir Ordnungsamt und Polizei überlassen. Und bitte mit Augenmaß. Denn bei allem Verständnis für die Kontaktsperre und andere Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus: Ich vermisse den deutlichen Appell, bei alledem unsere Grundrechte und Werte nicht vollends zu vergessen. Die wurden zum Großteil innerhalb einer Woche mit einem Federstrich außer Kraft gesetzt – ohne Aufschrei. Stattdessen fordern viele Bürger sogar noch drastischere Maßnahmen oder legen etwa die Kontaktsperre strenger aus, als sie eigentlich zu verstehen ist.

Und wer jetzt behauptet, die Corona-Hexenjagd finde nur im Internet statt, dem empfehle ich eine Autofahrt durch Hooksiel oder Schillig mit auswärtigem Kennzeichen. Möglichst aus Nordrhein-Westfalen, denn Urlauber von früher haben einige Einheimische gerade besonders lieb. Davon können jene Geschichten erzählen, die seit Jahren in den Ferienorten der Gemeinde Wangerland wohnen, aber ihr früheres Kennzeichen behalten haben. Da wird der berühmte Mittelfinger gezeigt, beschimpft, beleidigt – sogar die Polizei gerufen. Wangerlands Bürgermeister Björn Mühlena berichtet in einem Video gar davon, dass der Vormann des Seenotkreuzers „Bernhard Gruben“ angegangen wurde – er hat halt kein FRI-Kennzeichen.

Richtig: Urlauber mussten inzwischen abreisen, wurde vom Land verfügt. Die Gründe sind nachvollziehbar und Sturköpfe müssen zu Recht mit Konsequenzen rechnen. Aber wer will es eigentlich einer Familie aus NRW verübeln, dass sie aus Angst Richtung Nordsee das Weite vor Corona gesucht hat, als die Schulen geschlossen wurden, aber noch kein Reiseverbot galt? Ich jedenfalls beschwöre keinesfalls, dass ich an deren Stelle nicht selbst die Koffer gepackt hätte.

Übrigens: Der Mann mit dem Hund bei Facebook darf gerne weiterhin Kommentare schreiben – das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung wurde noch nicht außer Kraft gesetzt. Ein weiterer Artikel im Grundgesetz meines Wissens aber auch nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar – auch in Zeiten von Corona.

Stephan GiesersFrieslandredaktion

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