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Lokal26.de Friesland

„Auch die Pflege braucht eine Greta“

11.01.2020
Frage: Herr Germeroth, vier von fünf Krankenhäusern können laut einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts offene Stellen für Pflegepersonal nicht besetzen: Wie ist die Situation in Sanderbusch und Varel – bekommen Sie alle Stellen besetzt?
Frank Germeroth: Nein, auch in Sande und Varel haben wir offene Stellen im Pflegedienst. Nicht in einem Umfang, dass ganze Stationen geschlossen werden müssen. Die vorübergehende Schließung von Betten war jedoch im vergangen Jahr in Einzelfällen erforderlich.
Frage: Um den Beruf attraktiver zu machen und die bundesweit 17 000 offenen Stellen zu besetzen, wird gefordert, Gegenmaßnahmen zu ergreifen: Wie könnten diese aussehen?
Germeroth: Die Vergütung der Pflege hat sich in den letzen Jahren entwickelt. Dennoch liegt sie im Vergleich zu anderen Berufen zurück. Hier sehe ich einen Ansatz. Weiter muss es gelingen, ungünstige Arbeitszeiten in der Nacht oder am Wochenende mit einer passgenauen und vor allen verlässlichen Planung zu kompensieren. Die Pflege muss aber vor allem mehr Wertschätzung erfahren. Sie leistet einem enorm wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, wie übrigens andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen auch.
Frage: Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz ist die Antwort der Politik auf die Problematik. Sehen Sie positive Effekte?
Germeroth : Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) umfasst den gesamten Bereich Pflege, nicht nur die Krankenhäuser. Der Ansatz, mehr Stellen zu schaffen, ist vom Grundsatz her gut, jedoch wird es kurzfristig nicht gelingen, das Personal auch zu bekommen. Die Weichenstellung erfolgte viel zu spät. Das Pflegepersonal hat über viele Jahre nicht die Wertschätzung erfahren, die es verdient hätte. Der Pflege hat eine starke Stimme gefehlt, um deren Interessen an den entscheidenden Stellen zu vertreten. Diese fehlt bis heute. Auch die Pflege baucht offensichtlich eine Greta! Der missglückte Start der Pflegekammer in Niedersachsen ist ein Beispiel dafür, was Politik meint zu glauben, was gut für die Pflege ist und was die Pflege stärken soll. Für die Krankenhäuser änderte sich zum 1. Januar 2020 durch das PpSG die Finanzierung der Kosten für die Pflege. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass den Krankenhäusern die tatsächlichen Kosten für die direkte Pflege am Patienten im Rahmen eines hausindividuell mit den Krankenkassen zu verhandelnden Pflegebudgets erstattet werden sollen. Soweit der Wille des Gesetzgebers. Ob der politische Wille auch bei uns ankommen wird, werden die Budgetverhandlungen zeigen.
Frage: Sie beklagen in einem Facebook-Post, dass es im Gesundheitssystem häufig gegeneinander geht: Politik gegen Krankenversicherungen, Krankenversicherungen gegen Krankenhäuser. Im Mittelpunkt steht ja immer wieder auch das Geld. Welchen Ausweg sehen Sie?
Germeroth: Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung hat vor den Mehrkosten des PpSG gewarnt, was, nach deren Aussage, die finanzielle Situation der Krankenkassen verschlechtern wird. Es ist doch bemerkenswert, dass vor den finanziellen Folgen des Gesetzes gewarnt wird, das die Not der Pflege lindern soll. Hiermit ist doch das Systemproblem der nicht auskömmlichen Krankenhausfinanzierung demaskiert. Über Jahre waren die Personalkosten der Krankenhäuser nicht auskömmlich finanziert, was viele Krankenhäuser vor ganz erhebliche wirtschaftliche Problem gestellt hat. Nun beklagen das die Krankenkassen. Krankenkassen und Leistungserbringer sollten den Schulterschluss herstellen und der Politik unmissverständlich zu verstehen geben, dass man sich nicht gegeneinander ausspielen lässt.
Frage: Sie haben sich in der Vergangenheit auch für mutige Reformen ausgesprochen. Was würden Sie dem Gesetzgeber raten?
Germeroth: Derzeit kann sich der Patient frei im System bewegen. Er kann durchaus mehrere Orthopäden konsultieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch kann er die Orthopäden direkt aufsuchen, ohne zuvor sein Problem mit dem Hausarzt zu besprechen, oder er geht direkt in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Das verursacht erhebliche Kosten, ohne dass die Behandlung einen Mehrwert erfährt. Ein verpflichtendes Primärarztsystem könnte hier Abhilfe schaffen. Auch könnten Behandlungszentren in Form von Polikliniken die Wege des Patienten zu einer angemessenen Diagnostik und Therapie zeitlich verkürzen und wirtschaftlicher gestalten. Auch sollte der Patient selber mehr Verantwortung für sich und die Solidargemeinschaft übernehmen. Die Deutschen sind Vorsorgemuffel, das muss sich ändern. Derzeit wird viel über Verbote, Beschränkungen und regeln gesprochen. Warum nicht, wenn es um unsere Gesundheit geht? Wir wissen, dass ein gewisses Konsumverhalten schwere Krankheiten verursacht, andererseits ein gesunder Lebensstil gewisse Krankheiten verhindert.

Malte KirchnerFrieslandredaktion

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