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Lokal26.de Friesland Jever

Lesung in Jever: Joachim Gauck warnt vor falscher Toleranz

28.02.2020

Jever Der Mann ist 80 Jahre alt, hat aber immer noch etwas zu sagen. Joachim Gauck hat als evangelischer Theologe und Sprecher der Bürgerbewegung in Rostock 1989/1990 die deutsche Wiedervereinigung aus der ersten Reihe miterlebt und er war von 2012 bis 2017 Bundespräsident.

Wie Donnerstagabend in Jever offenkundig wurde, treibt den parteilosen Politiker immer noch der Begriff der Freiheit um – und die Sorge, dass die durch die polarisierende Weltsicht von Linken, Rechten und Islamisten Schaden nehmen könnte. Gauck stellte auf Einladung der Volksbank Jever sein jüngstes Buch „Toleranz: einfach schwer“ vor. Die Veranstaltung war aber keine klassische Lesung. Für seinen lockeren, mit Witz und Anekdoten gespickten Streifzug durch sein Leben, durch Zeit- und Ideengeschichte wurde Gauck von den mehreren Hundert geladenen Gästen stehend mit Beifall bedacht.

Der Begriff Toleranz sei recht schwammig. Von den einen wird er als Tugend angesehen, von den anderen als „herablassende Duldung“ geächtet. Gauck warnte vor einer „falschen Toleranz“, die prinzipiell alles für gut und besser halte, was anders ist. Anderen Geschmäckern, Bräuchen und Sitten könne man sich nähern. Unbekanntes sollte man ausprobieren.

„Nichts dagegen zu sagen, schafft Parallelgesellschaften“

Vieles davon werde man vielleicht auch für gut befinden. Man kann es auch tolerieren, wenn man es sich selbst nicht zu eigen macht. Aber es gebe keinen Grund, deswegen alle eigenen Gewohnheiten und für richtig befundenen Werte über Bord zu werfen. Schwulenhetze, Frauenfeindlichkeit oder Antisemitismus würden nicht dadurch besser, dass sie von arabischen Zuwanderern verbreitet werden. So etwas dürfe man nicht dulden. Gauck: „Dagegen einzutreten heißt nicht, intolerant zu sein.“ Nichts dagegen zu sagen, schaffe Parallelgesellschaften.

Die Gesellschaft dürfe sehr wohl einfordern, dass sich alle an hiesige Rechtsnormen halten und in den Schulen Deutsch gesprochen wird. Um so mehr, weil der überwiegende Teil der Zugewanderten das ohne Probleme schaffe.

Der Politiker, der 1990 in der ersten freien Wahl in der DDR als Abgeordneter von Bündnis 90 in Rostock in die Volkskammer gewählt wurde, wirbt für eine „kämpferische Toleranz“. In einer offenen Gesellschaft gehörten unterschiedliche Ansichten dazu. Das könne mal weh tun, müsse man aber aushalten. Der Streit dürfe aber nicht zur Feindschaft werden. „Toleranz hört dann auf, wenn der Streit ausufert und in Hass und Vernichtungsabsicht übergeht.“

Als positives Beispiel verwies Gauck auf einen Boxkampf: Beide Kämpfer wollen gewinnen, aber niemand will töten. Intoleranz sei dann angebracht, wenn andere Hass predigen oder die Rechtsordnung verlassen. Dieser Toleranzbegriff reiche bis weit nach Rechtsaußen – trotz Björn Höcke. „Nicht jedes AfD-Mitglied ist ein Nazi.“ Aber viele Wähler der Partei würden in einer von Ängsten und technologischen Umbrüchen geprägten Zeit eine andere Form von Konservatismus suchen als ihn die CDU/CSU derzeit vertrete.

„Sie sprechen mit dem Bundespräsidenten“

Hintergrund für den Gauck-Besuch in Jever war der persönliche Kontakt des Vorstandsvorsitzenden Michael Engelbrecht mit dem Mecklenburger. Nach dessen Wahl zum Bundespräsidenten hatte Engelbrecht Glückwünsche geschickt. Im September 2012 hätte dann sein Autotelefon geklingelt: „Hier ist Herr Gauck“. Engelbrecht machte – im festen Glauben, er werde von einem Freund auf den Arm genommen – einen deftigen Spruch. Reaktion auf der anderen Seite der Leitung: „Herr Engelbrecht, Sie sprechen mit dem Bundespräsidenten . . .“

Aus dem Telefonat ergab sich ein Besuch Engelbrechts im Schloss Bellevue und die Zusage zu einem Gegenbesuch in Jever, die jetzt, Jahre später, eingelöst wurde.

Gerd AbeldtChefredakteur

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