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Lokal26.de Friesland Jever

Frühschicht im Taxi: Unterwegs mit Fahrerin Annelies Seemann

03.12.2019

Jever Freitagmorgen, kurz nach sieben. Im November ist es zu dieser Uhrzeit noch dunkel. Reifen rollen über Jevers Straßen. Ein schwarzes Auto mit der Aufschrift „Taxi Ahlers“ fährt vorbei.

Auch im Inneren des Taxis ist es dunkel. Nur der grelle Bildschirm des Navigationssystems und des Tablets am Armaturenbrett scheinen der Fahrerin Annelies Seemann ins Gesicht. Über das Tablet bekommt sie Aufträge, kann den Status des Taxis von „frei“ auf „besetzt“ ändern und Kontakt zur Zentrale halten. Die Ledersitze im Auto sind noch ganz kühl von den niedrigen Temperaturen in der Nacht. Kälte bahnt sich einen Weg vom Sitz durch die Softshell-Jacke an den Rücken der Taxifahrerin. Annelies Seemann macht die Heizung im Wagen an. „Falls es zu kalt ist, kann ich gern die Sitzheizung anmachen“, sagt sie.

Annelies Seemann ist auf dem Weg zu ihrer ersten Kundin. Sie fährt von der „Taxi Ahlers“-Zentrale in Jever auf die B 210 nach Wittmund. Je schneller sie auf der Bundesstraße fährt, desto heftiger scheint der Regen an diesem Morgen zu werden, und die Tropfen prasseln gegen die Windschutzscheibe. „Ich mag es nicht so gern, im Dunkeln zu fahren, da hat man keine gute Übersicht. So wie jetzt ist es nicht optimal: Regen, Dunkelheit und viel Gegenverkehr“, sagt die 65-Jährige. Mithilfe ihres Navigationsgeräts kann sie wenigstens auf dem hellerleuchteten Display sehen, wo sie abbiegen muss.

Sobald ein Fahrgast zu ihr ins Taxi steigt, gilt für sie: „Egal ob Bus oder Taxi, als Fahrer übernehme ich die Verantwortung. Die Gäste sind darauf angewiesen, dass ich vernünftig fahre.“

Doch Annelies Seemann will nicht nur vernünftig fahren. Sie nimmt sich auch stets Zeit für ihre Fahrgäste und schaut, ob sie ihnen behilflich sein kann: Sie hält ihnen die Tür auf, möchte beim Gepäck helfen und sucht das Gespräch mit den Kunden. „Ich mache meinen Job mit Herz und bewusst“, betont sie. Fingerspitzengefühl sei enorm wichtig in dem Beruf, man muss Fahrgäste einschätzen können, manchmal auch Seelentröster sein.

Flexibel sein

Heute früh muss sie als erstes eine Kundin zu einem Termin nach Westerstede bringen. Am Abend zuvor bekam die Fahrerin den Bescheid aus der Zentrale, wann am nächsten Tag die Arbeit losgeht. „Für den Job braucht man schon eine bestimmte Flexibilität“. Und so können es von Tag zu Tag auch ganz unterschiedliche Arbeitszeiten sein: „Von sechs bis zwölf Stunden ist alles dabei“. Die meiste Zeit davon verbringt die 65-Jährige sitzend, viel Bewegung hat sie nicht. Als Ausgleich läuft sie privat sehr viel – gern auch mit Hund.

Zum Taxifahren kam die 65-Jährige eher durch Zufall. Knapp 39 Jahre arbeitete sie nämlich als Zahnarzthelferin, bevor sie arbeitslos wurde und dann dank eines Tipps auf die Idee kam, Taxifahrerin zu werden. Das ist nun knapp fünf Jahre her, seitdem arbeitet Annelies Seemann bei „Taxi Ahlers“ in Jever.

Zumeist fährt die die Chauffeurin tagsüber; zu diesen Zeiten gehören vor allem Schüler- oder Krankenfahrten zu ihren Buchungen. Viele der Fahrgäste seien Stammkunden: Ältere, die zum Einkaufen gebracht werden wollen, Menschen, die zu Ärzten oder zur Dialyse müssen. Doch manchmal übernehmen die Taxifahrer auch selbst die Einkäufe für Kunden und bringen die Sachen vorbei. Auf dem Land ticken die Uhren noch anders – doch genau das mag Annelies Seemann. „Am liebsten fahre ich übers Land, da kann man den Blick auch mal schweifen lassen, und es ist nicht so stressig wie in Großstädten.“

Doch die Jeveranerin fuhr auch schon in der Nachtschicht (von 22 Uhr bis etwa 6 Uhr). Keine einfache Schicht für die Fahrer – vor allem nicht für die weiblichen, gibt sie zu. Annelies Seemann trägt ihre Haare kurz, nur kleine Stecker zieren ihre Ohren. Bestimmt und freundlich ist ihr Auftreten: „Ich bin kein ängstlicher Mensch“, sagt sie.

Dennoch seien Nachtschichten nicht jedermanns Sache. „In meinen Augen sollten die Nachtschichten die männlichen Kollegen übernehmen.“ Nachts habe man eben ein anderes Publikum, und Betrunkene seien schwer einzuschätzen. Berauscht vom Alkohol trauen sich manche dann mehr. Die Hemmschwelle sei gegenüber Frauen auf dem Fahrersitz zudem niedriger als gegenüber männlichen Taxifahrern.

Angesprochen auf die sogenannte Beförderungspflicht kontert sie: „Ich denke, dass ich entscheiden kann, was ich mir zumute“ – und wen sie zu sich ins Taxi lässt. Bedenkt man den Abstand zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, ist es eine geringe Distanz, der zwei Menschen trennt, die sich eigentlich nicht kennen.

Einen verpflichtenden Selbstverteidigungskurs oder einen Erste-Hilfe-Kurs gibt es für Taxifahrerinnen nicht. Doch Annelies Seemann weiß sich zu helfen, sie war früher lange Zeit beim DRK tätig, daher kennt sie sich zumindest medizinisch sehr gut aus.

Eine Frage des Respekts

Handgreiflichkeiten erlebte die Taxifahrerin auch schon: Ein Kind packte ihr von hinten in die Haare und ließ nicht mehr los.

Und was ist, wenn jemand nicht zahlen will? „Dann kann man nur hoffen“, sagt sie. Ein Fall hat die 65-Jährige besonders getroffen. Den Vorwurf, dass Taxifahrer Umwege fahren, um mehr Geld zu machen, höre man als Taxifahrer tatsächlich häufiger. Aber in einem Fall war ein Pärchen wohl besonders unverschämt, erinnert sich Annelies Seemann: „Erst hatten sie mich gerufen, der Mann hatte mich gefragt, welche Strecken möglich seien – und ich sollte mich für eine entscheiden. Aber nach ein paar Metern unterstellten sie mir, dass ich einen Umweg gefahren bin und bloß Geld abzocken wollte.“ In ihren Äußerungen wurden beide dann sehr verletzend. Die einzige Chance, sich als Taxifahrer dagegen zu wehren: Anhalten und drohen, den Gast hier abzusetzen. Schließlich haben Taxifahrer Respekt verdient – dafür, dass sie sich Zwölf-Stunden-Schichten um die Ohren schlagen, um Leute von A nach B zu bringen.

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Adolf Ahlers | DRK

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