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Lokal26.de Friesland Jever

Schlossgarten in Jever: Wieder live bei der Brutzeit dabei sein

07.04.2020

Jever Auch in diesem Jahr kann man wieder live dabei sein, wenn die Brutzeit im Schlossgarten zu Jever beginnt. Viele Gäste hatten 2019 am Leben der Saatkrähe Mathilde teilgenommen. Daher möchten die Initiatoren von „Live dabei“ – Petra Walentowitz (MobilumMobile Umweltbildung des Nabu Niedersachsen), Volker Prueter (Nabu-Gruppe Jever & umzu), Werner Menke (WAU) und Antje Sander (Schlossmuseum Jever) – die erfolgreiche Aktion auch in diesem Jahr in erweiterter Form präsentieren.

Es ist zum einen wieder eine Kamera in der Saatkrähenkolonie installiert, um eine Saatkrähe – möglicherweise sogar Mathilde – beim Brutgeschäft zu beobachten. Und zum andere ist über einem Nest der Rauchschwalben, die im Torbogen des Schlossinnenhofes brüten, eine Kamera angebracht worden.

Die Rauchschwalben werden voraussichtlich in diesem Monat zurück aus dem Süden erwartet. Renja Popken, die zur Zeit ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur im Schlossmuseum Jever absolviert, wird das Projekt begleiten.

Die Saatkrähen betreiben schon eifrig ihr Brutgeschäft. Die Saatkrähe ist ein Koloniebrüter. Das unterscheidet sie neben anderen Kriterien von der verwandten Art Rabenkrähe, die ihr vom Aussehen her sehr ähnlich ist. Das auffälligste Erkennungsmerkmal der erwachsenen Saatkrähe ist die weißliche Schnabelbasis, die allerdings nur bei guten Sichtbedingungen klar zu erkennen ist. Das Fehlen der Federn am Grund des Schnabels ist eine Anpassung an den stochernden Nahrungserwerb, bei dem zum Beispiel Engerlinge und Tipula- (Schnaken-) Larven aus dem Boden aufgenommen werden. Während die einzeln brütende Rabenkrähe zur Brutzeit recht heimlich ist, lässt sich eine Kolonie der Saatkrähe nicht übersehen und überhören. Weil die Krähenvögel früher unterschiedslos in weiten Teilen der Bevölkerung ein schlechtes Image hatten und als „schwarzes Gesindel“ galten, wurden Saatkrähenkolonien oft zerstört.

Frühere Ansiedlungsversuche unterbunden

Auch frühere Ansiedlungsversuche im jeverschen Schlosspark, wo es in den 1950er-Jahren zeitweise eine kleine Kolonie gegeben hatte, wurden, wie ein zeitgenössischer Bericht in der lokalen Presse vermeldete, am 16. März 1957 in aller Frühe durch „ein leichtes ‚Störfeuer‘ aus den Flinten der jeverschen Jäger“ unterbunden.

Derartige Verfolgungen führten zu einer erheblichen Bestandsreduzierung, die ihr Maximum in Niedersachsen zu Anfang der 1970er-Jahre erreichte und zu einer Einstufung in der Kategorie 1 ( das heißt: vom Erlöschen bedroht) der damaligen Roten Liste von 1976 führte.

Erst verstärkter gesetzlicher Schutz, so durch das Bundesnaturschutzgesetz von 1976 und die EG-Vogelschutzrichtlinie von 1979, führten zu einer zunächst sehr langsamen, dann aber stetig wachsenden Zunahme des Brutbestands, sodass die Art in der jüngsten Roten Liste für Niedersachsen von 2015 als ungefährdet gilt.

Diese Entwicklung zeigte sich auch in Jever. Nachdem es in der Stadt über mehrere Jahrzehnte keine Saatkrähenkolonie mehr gegeben hatte, erfolgte 1992 eine Neugründung in einem Gehölz am nordöstlichen Stadtrand. Von hier ausgehend wurden in den Folgejahren weitere Standorte in Jever besiedelt, so der Schlosspark (ab 1994) und die Wallanlagen (ab 1995).

Mittlerweile ist in Jever eine Bestandsgröße gegeben, die 2018 und 2019 ziemlich stabil bei rund 600 Brutpaaren lag. Mehr als die Hälfte davon, nämlich rund 340 Brutpaare, nisten im Schlosspark, wo die Art relativ ungestört ist. In den übrigen Stadtgebieten gab es in der Vergangenheit mehrfach behördlich genehmigte Vergrämungsaktionen, die 2019 seitens der Stadt eingestellt wurden – wie zum Beispiel die jeversche Krähenklatsche, die es zu überregionaler Bekanntheit brachte. Zudem war immer wieder festzustellen, dass einzelne Bürger, die sich durch die Saatkrähen gestört fühlten, auf eigene Initiative zu nicht genehmigten, also illegalen, Vergrämungsmaßnahmen griffen.

Um zur Versachlichung der Diskussionen, die fast jedes Jahr zur Brutzeit wieder aufflammten und sich zum Beispiel in Leserbriefen an die regionale Presse sowie Eingaben an die Behörden niederschlugen, beizutragen und auch, um für eine stärkere Tolerierung der vitalen Vogelart in Friesland zu werben, gaben die Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz (WAU), die Nabu Ortsgruppe Jever & umzu sowie der Landkreis Friesland im Frühjahr 2018 zusammen ein Info-Faltblatt mit dem Titel „Leben mit der Saatkrähe“ heraus.

Installation der Kamera über dem Nest von Mathilda

Fortgesetzt wurden diese Bemühungen 2019 mit der von der eingangs genannten Projektgruppe „Live dabei“, die die Installation einer Kamera im Schlosspark über dem Nest einer brütenden Saatkrähe, die den Namen Mathilde bekam, veranlasste. Von März bis zum Ende der Brutzeit wurde das Geschehen am Nest von Mathilde live auf den Internetseiten der beteiligten Partner sowie auf einem Bildschirm am Fenster des linken Schloss-Torhauses übertragen.

Insgesamt erfolgten rund 20  000 Klicks auf die Live-Cam. Viele Zuschauer konnten so am Familienleben einer Saatkrähe teilhaben und so wurden sicher auch manche Sympathien geweckt für die schwarzen Rabenvögel, die früher oft verfemt und gnadenlos verfolgt worden sind.

Auf jeden Fall halfen die beeindruckenden Filmaufnahmen dabei, mit mehreren Missverständnissen aufzuräumen, die bei vielen immer noch verbreitet sind. Verfüttert wurden in der gesamten Brutzeit fast ausschließlich Regenwürmer und Engerlinge; kleine Vogelküken fehlten ganz unter der angebotenen Nahrung. Denn der bei anderen Rabenvogelarten wie Elster, Eichelhäher und Rabenkrähe durchaus verbreitete Nahrungserwerb durch Nestraub spielt bei der Saatkrähe keine Rolle; die gut 300 Paare im Schlosspark stellen also keine Bedrohung für die dort lebenden kleineren Singvogelarten oder die Entenküken dar.

Und auch die Sorge, dass die Population von Jahr zu Jahr größer wird, ist eher unbegründet: Von den fünf Eiern, die Mathilde legte, entwickelten sich nur zwei zu flugfähigen Jungen. Und Jungvögel durchlaufen gerade in ihrem ersten Jahr sehr große Lebensrisiken und zeigen eine hohe Jugendmortalität.

So regulieren sich die Bestandsgrößen langfristig von selbst; stärkeres Wachstum findet nur in neu gegründeten beziehungsweise recht jungen Kolonien statt.

Da die Kamera-Aktion nach Ansicht der beteiligten Projektpartner sehr erfolgreich verlief, wird sie in diesem Jahr fortgesetzt; schon seit Anfang März ist die Kamera installiert und sendet Livebilder aus dem Nest der Saatkrähe. Möglicherweise ist es wieder Mathilde, dann wäre sie ihrem letztjährigen Nest treu geblieben. Sicher kann man das allerdings nicht wissen, da die Vögel nicht markiert und somit nicht individuell erkennbar sind.

Zweite Kamera wird Schwalbennest filmen

Zusätzlich wird das Team bald mit einer zweiten Kamera live aus einem Rauchschwalbennest senden, das sich im Torbogen zum Schlossinnenhof befindet. Die Schwalben werden in diesem Monat aus ihren afrikanischen Überwinterungsgebieten zurückkehren.

Mit dieser Aktion will das Projektteam von „Live dabei“ auch auf den zunehmenden Verlust an Brutplätzen für Schwalben in unseren Siedlungen aufmerksam machen. Sowohl die Rauchschwalbe als auch die Mehlschwalbe haben sich den Menschen angeschlossen und brüten in oder an Gebäuden. Wurden sie dort früher als Glücksbringer willkommen geheißen, finden sie heute immer weniger Nistmöglichkeiten und werden immer seltener.

Die Rauchschwalbe gilt laut der niedersächsischen Roten Liste für Brutvögel als im Bestand gefährdet, die Mehlschwalbe steht auf der Vorwarnliste. Die „Live dabei“-Aktion soll auch dazu aufrufen, diesen Tendenzen entgegenzuwirken und die Häuser wieder schwalbenfreundlicher zu gestalten. Hierzu hat der Nabu die Broschüre „Schwalbenfreundliches Haus“ herausgegeben, die im Schlossmuseum und direkt beim Nabu erhältlich ist.

Im Übrigen ist es laut Bundesnaturschutzgesetz (Paragraf 44 Abs. 1 S. 3) verboten, die Fortpflanzungs- und Ruhestätten wildlebender Tiere und damit auch der Schwalben zu zerstören.

Zwei Bildschirme (am linken Torhaus und an der linken Seite des Schlosses) laden alle Gäste dazu ein, die Vögel zu beobachten. Auf den Internetseiten des Schlossmuseums Jever, des Nabu Niedersachsens und der WAU ist ein Livestream geschaltet. Mit der Erneuerung der Internetverbindung wird sich hier die Qualität in der Bilddarstellung in Kürze verbessern.

Wer noch einmal einen Blick auf die Entwicklung des vergangenen Jahres werfen möchte, kann sich dazu den Film „Live dabei: Saatkrähe Mathilde im Schlosspark Jever“ auf der Internetseite des Schlossmuseums ansehen. Hier hat der Filmemacher Basel Mansour die aufregendsten Momente der Brutzeit 2019 zusammengefasst.


Mehr Infos unter   www.schlossmuseum.de 

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