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Lokal26.de Lokalsport

Laufen: Zwischen Gruppendynamik und Therapie

04.06.2020

Burhafe So langsam kehrt bei der Laufgruppe der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Burhafe wieder etwas Normalität ein. Freitags trifft sich schon eine kleine Gruppe morgens beim Trainer. Im Garten gibt es einen Aufwärmparcours. Seilspringen, kleine Gymnastikübungen und lockeres Warmlaufen stehen auf dem Plan, ehe es auf die Strecke geht. Doch schon bevor die Einheit startet, wird deutlich, wie wichtig das gemeinsame Sporttreiben ist. Mit einem breiten Lächeln greifen Trainer und Athleten zum morgendlichen Kaffee. Es wird gequatscht und gescherzt – über die vergangenen Tage und die offensichtlich kurze Nacht, die einer hinter sich hat. Noch blickt er etwas schläfrig drein, doch das ändert sich schnell. „Wie viel wollen wir denn heute machen?“, fragt der Trainer in die Runde. Die Meinungen gehen leicht auseinander. Der eine will zwölf, der nächste 16 Kilometer laufen. Das Wetter passt, also fällt die Entscheidung auf der Straße.

Abrupte Unterbrechung

Die Laufgruppe der WfbM ist ein eingeschworener Haufen. Dabei geht es um weit mehr, als körperliche Fitness und gute Zeiten auf der Strecke. Das Lauftraining und die gemeinsamen Wettkämpfe geben den Teilnehmern Struktur und damit ein Stück Sicherheit in ihrem Alltag. Mit Beginn der Coronakrise war jedoch schlagartig Schluss. Statt zusammen beim Ossiloop zu starten, verbrachten die Athleten ihre Tage nun zuhause. Eine Teilnahme unter den vorgegebenen Bedingungen war für viele schlichtweg nicht möglich. Dabei war Trainer Hermann Rößing im Vorfeld des Ossiloops guter Dinge. Fünf Läufer unter den besten 300 hatte er anvisiert. Sogar Top-100-Platzierungen hielt er für möglich. Doch daraus wurde nichts.

„Die ersten Wochen war das noch vergleichbar mit Urlaub“, erläutert Rößing. Doch mit zunehmender Zeit wurde es immer schwieriger. Nicht nur dem Coach fehlte seine Gruppe. Gerade für die Sportler ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Anerkennung ein wichtiger Faktor.

Dabei spielen die jeweiligen Behinderungen eine große Rolle. Für viele hat das Training einen großen therapeutischen Wert. Fortschritte, die teils über Jahre gemacht wurden, drohten zu verpuffen. Das Laufen in der Gruppe hat einigen so gut getan, dass sie auf Medikamente weitgehend verzichten konnten. Ob Epilepsie, Bluthochdruck, oder andere Symptome – Training und Wettkämpfe haben geholfen, die Beschwerden einzudämmen.

Einige der Athleten hatten gerade zu Beginn der Coronakrise Angst, überhaupt das Haus zu verlassen, gehören sie doch mit ihren Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Ohne den geregelten Tagesablauf mit Arbeit in der Werkstatt und den Trainingseinheiten, waren einige dabei, den Halt zu verlieren. Es fehlte einfach der Grund, regelmäßig zu duschen oder zu essen. Gewichtsverlust und einsetzende Verwahrlosung waren die Folge. Auch das zeitweise stark eingeschränkte soziale Umfeld der Sportler bekam zu spüren, dass aktuell etwas nicht in Ordnung ist. Die Energie, die bislang auf der Laufstrecke verbrannt wurde, suchte sich andere Wege. Gewalt gegen Mobiliar und etwaige Geschwister oder Mitbewohner sind dabei nicht ausgeschlossen, erläutert Rößing.

Gruppe wächst schnell

Doch auch dem Trainer fehlten seine Läufer. Also begann er, sie zu besuchen. „Im Garten, mit Abstand“, erklärt Rößing. Dort versuchte er in Gesprächen, ihnen die Angst zu nehmen und wieder zum Trainieren zu bewegen. Es musste etwas passieren, war sich Rößing sicher. Über WhatsApp wurden Aufgaben gestellt – Laufen, Radfahren, Inline-Skaten, Spazieren gehen. Auf diesen Impuls hatten alle regelrecht gewartet. Einige waren kaum zu stoppen, berichtet der Trainer. Endlich ging es wieder los. Der eine oder andere ist gleich aufs Rad gestiegen und hat sofort die ersten 40 Kilometer abgespult. Ergebnisse wurden per Mobiltelefon geteilt und so zur Motivation für die anderen. „Auf einmal war wieder Leben drin“, beschreibt Rößing die Situation. Die Nachrichten der anderen wurden „mit Freude, nicht als Zwang“, wahrgenommen. Zusammen mit dem Lauftreff Schafhauser Wald wurden immer neue Aufgaben gestellt und von den Mitgliedern der Laufgruppe dankbar angenommen. Das Modell sprach sich schnell herum. So stiegen auch Gruppen aus anderen Einrichtungen für behinderte Menschen mit ein. Zusammen mit den Teilnehmern aus Delmenhorst und Papenburg sind es mehr als 100 Leute gewesen, berichtet Rößing.

Die Gruppen der WfbM kehren zumindest teilweise in die Werkstätten zurück und das Training hat sich eingespielt. Doch alles ist eben nicht nicht wieder wie früher. Bis die ganze Gruppe wieder gemeinsam auf der Strecke ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Auch auf das ostfriesische Lauf- und Walkingfest in Burhafe müssen die Athleten in diesem Jahr verzichten.

Erfolge nur vertagt

Hermann Rößing richtet seinen Blick schon auf das kommende Jahr. Dann soll seine Gruppe beim Ossiloop wieder zeigen, was sie kann. Ob alle noch dabei sein werden, oder ob die Zwangspause dazu führt, dass einige aufhören, ist noch offen. Rößing hofft, dass die Auswirkungen auf die einzelnen Athleten gering bleiben und nicht zu allzu starken Rückschlägen führen.

Und vielleicht klappt es dann ja mit den anvisierten Spitzenplatzierungen beim Ossiloop. Doch bis dahin gilt es, erst einmal wieder in den gemeinsamen Rhythmus zu kommen und die Trainingsstrukturen in gewohnte Bahnen zu lenken. „Es ist eine sehr aufregende Zeit“, fasst Hermann Rößing zusammen. Das gilt für die Laufgruppe der WfbM, aufgrund der besonderen Lebensgeschichten der einzelnen Sportler, noch stärker als für viele andere Vereine und Mannschaften.

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