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Meine Sportkarriere: Das neunte Gebot der Jungpioniere

16.05.2020

Halle /Friesland „Wir Jungpioniere treiben Sport und halten unseren Körper sauber und gesund.“ Das neunte der zehn Gebote der Jungpioniere galt auch für mich. Ende der 1970er-Jahre war der Sportunterricht an den Polytechnischen Oberschulen kein Zuckerschlecken. Den Sportlehrer kannten wir nur im Trainingsanzug, mit Trillerpfeife um den Hals, rotem Kopf und schreiend. Spielerischer Drill für die Kleinen, militärische Vorübungen für die Größeren.

Kletterstangen und Seilklettern, bis der Fußrücken blutete, Weitwurf mit optisch nachgebildeter Handgranate und Konditionstraining bis zum Kotzen.

Ich habe Sport so gehasst – und so geliebt. Nachmittags auf meinem Klapprad, meinen Rollschuhen oder im Winter auf Schlittschuhen und Gleitschuhen herumfahren. Seilhüpfen auf dem Asphalt, bis meine Mutter aus dem Fenster rief: „Abendessen!“. Kaputt, verschwitzt, glücklich.

Doch vormittags? Kaputt und dieses eine Ziel vor Augen: Ich biete euch keine Angriffsfläche, auf mir herumzuhacken, mich klein, schwach und lächerlich zu machen. Auch wenn beim morgendlichen 3000-Meter-Lauf in der ersten Unterrichtsstunde das Atmen schwer fiel. Die Glocke, die die Chemiewerke Leuna und Buna über die Stadt gelegt hatten, hing auch über der staubigen Aschebahn. Und noch beim Naseputzen in der vierten Schulstunde war das Taschentuch schwarz.

Doch egal: Wer sportlich war, sammelte Pluspunkte, wurde zur Schulspartakiade delegiert oder bekam gar einen der begehrten Plätze an der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) angeboten. „Egal, wie gut du mal sein solltest: Da lassen wir dich nie hin. Dann hast du keine Kindheit mehr. Du wirst verheizt und gehst kaputt“, sagten meine Eltern mit nicht gewohnter Strenge. Nur einmal war ihr Ton so hart gewesen: Als sie ein erstes Ansinnen der Schulleitung, mich ab der dritten Klasse auf die Russisch-Schule zu schicken, strikt ablehnten. Ich bin ihnen dankbar. Für beide Entscheidungen.

Immer wieder mal verfolgten in meiner Schulzeit mir unbekannte Frauen und Männer den Sportunterricht, nickten freundlich und machten sich eifrig Notizen. Beim Leistungssport geschah in der DDR nichts zufällig. Das flächendeckende System sichtete, kontrollierte, sichtete erneut und siebte aus. Die Talentförderung begann sehr früh und sehr gezielt.

Ich rannte, sprang und kletterte, als ginge es um mein Leben. Die Leichtathletik war meins, die rhythmische Sportgymnastik eher weniger.

Meine Eltern ließen sich auf einen Kompromiss ein: Ich durfte in der Leichtathletik-AG trainieren, wurde später Mitglied im DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) der DDR, es gab Urkunden und Abzeichen bei Schulspartakiaden und Qualifizierungen zu Bezirksspartakiaden. 100 Meter, 100-Meter-Staffel und Mehrkampf.

Eine Klassenkameradin, die jahrelang auf die Kinder- und Jugendsportschule gegangen war, gab mir gute Tipps, wie ich zum Beispiel besser aus dem Startblock kam, wie die Übergabe des Staffelstabs noch optimaler funktionierte und wie ich beim Weitsprung richtig Anlauf nehmen konnte und möglichst wenig Zentimeter verschenkte. Manchmal lieh sie mir auch ihre coolen Spikes. Mit denen kam ich vor wie der kleine Muck, so schnell lief ich. Gefühlt. Doch bei den entscheidenden Einzelsprints merkte ich förmlich, wie sich die Metalldornen in die Laufbahn bohrten. Eine Stelle hinterm Komma verbessern – das war auf jeden Fall drin.

Ich liebte diese disziplinierte Stimmung bei den Spartakiaden, die blechernen Fanfarenklänge, die bunten Wimpel, das Anfeuern, den Mannschaftsgeist. Einer für alle - alle für einen.

Den Text auf der Urkunde fürs Sportabzeichen habe ich mir damals trotzdem nie richtig durchgelesen: „Sterz, Cornelia wird das Sportabzeichen der Deutschen Demokratischen Republik in Gold verliehen. Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat. Staatssekretariat für Körperkultur und Sport“.

Nun, gearbeitet habe ich später noch in dieser Heimat. Verteidigen musste ich sie Gott sei Dank nie. Sie ist vorher einfach verschwunden. Und ich? Ich bin nie offiziell aus dem DTSB ausgetreten.

Die Freude am Laufen ist geblieben. Heute lieber längere Strecken als Sprints, lieber alleine zum Kopf-Frei-Laufen als bei großen Laufveranstaltungen. Die 16 Meilen beim Jever-Fun-Lauf, die ich zweimal gelaufen bin, waren da eher eine Ausnahme.

Und eine zweite Sportleidenschaft ist im Laufe der Jahre hinzu gekommen: das Radfahren. Mein Klappfahrrad habe ich immer noch, bevorzuge aber eher ein sportliches Tourenrad – sowohl im Alltag, als auch für mehrtägige Radtouren, bei denen es quer durch Deutschland geht und schon mal 1300 Kilometer in zehn Tagen abgeradelt werden.

Das neunte Gebot der Jungpioniere kann man eben auch mit 48 noch leben.

Cornelia LüersRedaktionsleitung

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