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Lokal26.de Lokalsport

Interview: Schriftsteller Thomas Pletzinger startet beim Ossiloop

13.05.2020
Harlingerland Frage: Herr Pletzinger, wie kommt ein Berliner Schriftsteller, der eine Biografie über Dirk Nowitzki geschrieben hat, dazu dieses Jahr am Ossiloop teilzunehmen?
Thomas Pletzinger: Das war eine Initiative meines großartigen Kollegen Jan Brandt. Er ist Ostfriese und hat eine Literaten-Laufgruppe für den Lauf zusammengestellt. Ich denke, viele Läufer vermissen es momentan, mit Leuten zusammen Sport zu machen. Der Ossiloop ist für uns eine gute Gelegenheit zumindest so zu tun, als würden wir gemeinsam laufen. Saša Stanišić läuft in Hamburg, Jan Brandt in Kreuzberg und ich in Prenzlauer Berg.

Die ersten Etappen

Frage: Wie liefen denn die Etappen für Sie bisher?
Pletzinger: Ich muss zugeben, dass ich die ersten Etappen vor lauter Arbeit immer erst kurz vor Schließung des Zeitfensters erledigt habe. Aber eigentlich lief es ganz gut. Am Freitag will ich versuchen, tagsüber zu laufen und eine neue Bestzeit aufzustellen. Es ist aus disziplinarischen Gründen gut, wenn man ein konkretes Datum hat, an dem man laufen muss: Man verschiebt nicht und läuft auch deutlich schneller.

Vom Basketball zum Laufsport

Frage: Eigentlich kommen Sie ja vom Basketball, haben selber gespielt und auch viel darüber geschrieben. Wie kommt es, dass Sie jetzt so viel Laufen?
Pletzinger: Bis Mitte Zwanzig habe ich hauptsächlich Basketball gespielt, das dann aber aufgegeben und tatsächlich das Laufen für mich entdeckt. Ich bin nach wie vor Basketballer, aber eher passiv – als Beobachter und Journalist. Laufen ist meine Sportart, weil es einfach sehr gut kombinierbar ist mit vielen Reisen und unregelmäßigen Arbeitszeiten. Ich kann einfach nicht jede Woche zu festen Trainingszeiten Sport machen. Laufen kann man überall und zu jeder Tageszeit. Früher bin ich tatsächlich ein paar Marathons gelaufen, aber jetzt laufe ich ein paar Mal im Jahr einen Halbmarathon und trainiere dafür zwei bis dreimal die Woche.

Laufen bringt Ruhe

Frage: Was gibt Ihnen das Laufen – abgesehen von Bewegung?
Pletzinger: Beim Laufen hat man seine Ruhe. Man kann einfach sehr gut und frei nachdenken. Das ist toll. Es gibt eine große Überschneidung zwischen dem Laufen und dem Schreiben, finde ich. Rituale, Training, Freiheit und Flow – all solche Dinge gibt es in beiden Bereichen.

Der erste Ossiloop

Frage: Hatten Sie denn zuvor schon einmal etwas vom Ossiloop gehört?
Pletzinger: Ich gebe zu, dass ich den Ossiloop nicht gekannt habe, ehe Jan Brandt mit der Idee auf uns zukam. Ich würde natürlich gerne selber durch Ostfriesland laufen, aber virtuell ist das jetzt auch okay.

Bezug zu Ostfriesland

Frage: Waren Sie denn schon einmal in Ostfriesland?
Pletzinger: Früher haben wir oft auf den Inseln Ferien gemacht. Ich bin in Hagen im Ruhrgebiet aufgewachsen und habe in Hamburg studiert. Beides ist nicht allzuweit von Ostfriesland entfernt.

Ziele beim Lauf

Frage: Haben Sie sich denn ein Ziel gesetzt beim Ossiloop oder gibt es so etwas wie einen internen Wettstreit zwischen Brandt, Stanišicć und Ihnen?
Pletzinger: Klar, gibt es einen internen Wettstreit. Aber die anderen beiden sind kleine, flinke Gazellen und dadurch mir gegenüber extrem im Vorteil (lacht). Ich bin groß und schwer, sie sind mir einfach physisch überlegen. Im Grunde geht es uns nur darum, durchzulaufen und das Gefühl zu haben, das gemeinsam zu tun. Ich gebe allerdings zu, dass ich auch auf die Zeiten der anderen schaue und mich wahnsinnig ärgere, wenn sie schneller sind als ich.

Kommunikation per WhatsApp

Frage: Gibt es eine WhatsApp-Gruppe, auf der sie sich gegenseitig immer auf dem Laufenden halten?
Pletzinger: Tatsächlich habe ich schon seit Jahren eine virtuelle Laufgruppe in einer Lauf-App. Wir sehen immer, wo die anderen laufen und wie schnell. Das ist fast so, als würde man gemeinsam laufen – obwohl wir in Frankfurt, München, Hamburg und Berlin unterwegs sind. Wenn ich sehe, dass Saša Stanišić auf zehn Kilometer in bergigem Terrain einen Fünfer-Schnitt läuft, weiß ich, dass es ihm gut geht. Das ersetzt manchmal sogar reale Begegnungen und Telefongespräche.

Variation muss sein

Frage: Laufen Sie denn bei den Etappen immer dieselbe Strecke?
Pletzinger: Ich laufe meist in derselben Gegend, aber nicht immer die gleiche Strecke. Ich variiere gerne. Ich muss zugeben, dass ich die Ossiloop-Etappen auf relativ ebenen und hindernisfreien Strecken gelaufen bin – meist um den Humboldthain im Wedding.

Auswirkungen des Coronavirus

Frage: Die Entwicklung rund um das Coronavirus hat die Virtualität dieses Laufs erst angestoßen. Wie hat Corona Ihren Arbeitsalltag als Schriftsteller verändert?
Pletzinger: Im Prinzip hat sich bei mir persönlich nicht viel verändert. Ich arbeite in einem Atelier in unserem Haus und habe das Alleine-rumsitzen-und-schreiben jahrelang geübt, jetzt kommt mir das zugute. Allerdings verbringe ich auch sehr mehr viel Zeit am Telefon und in Videokonferenzen bei Zoom oder Skype. Drehbuchbesprechungen, Projektgespräche, sogar Lesungen. In meinem Erwachsenenleben war ich wohl noch nie solange am Stück zuhause. Normalerweise bin ich immer viel auf Recherchereisen für meine Bücher. Jetzt sind unsere Kinder zu Hause, meine Frau arbeitet ebenfalls und wir müssen unsere Arbeits- und Schulzeiten sehr flexibel aufeinander abstimmen. In dieser Hinsicht hat sich mein Arbeitsalltag den Gegebenheiten angepasst. Einiges hat sich verändert, aber alles in allem haben wir es gut getroffen. Mir ist aber auch klar, dass das eine besondere und privilegierte Situation ist.

Die perfekte Zeit zum Laufen

Frage: Dann kommen Sie aber doch bestimmt gerade auch zur Ruhe oder nicht?
Pletzinger: Nein, überhaupt nicht. Ich habe nicht das Gefühl großer Ruhe, eher im Gegenteil. Ständig höre ich von Leuten, die jetzt „Krieg und Frieden“ lesen oder noch einmal „The Sopranos“ von vorne bis hinten durchgucken – aber ich habe überhaupt keine Zeit für sowas. Deshalb ist der Ossiloop mit seinen Etappen gerade ideal: Die Läufe sind für mich momentan die einzige Zeit, in der ich ein wenig Ruhe habe.

Annika SchmidtVolontärin

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