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Interview mit Tim Jürgens: Vom ostfriesischen Bolzplatz zur 11Freunde

03.06.2020
Frage: Moin Tim, erst einmal Glückwunsch zu 20 Jahre 11Freunde. Im März habt ihr anlässlich des Jubiläums ein Buch dazu herausgebracht. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Tim Jürgens: : Ich bin ganz zufrieden mit dem Buch. Die Idee dahinter war ja, eine andere Geschichte des deutschen Fußballs zu erzählen. Natürlich sieht man auf dem Cover Fußballspieler, aber blättert man es durch, findet man nur sehr wenig grünen Rasen. Da haben wir bewusst einen etwas anderen Blick auf den Fußball geworfen. Die Liebe zum Fußball ist mehr als nur ein toller Pass von Joshua Kimmich, sondern auch das, was Zuhause vor den heimischen Fernsehern, im Garten oder auf den Tribünen passiert.
Frage: Dafür seid ihr ja auch bekannt, dass ihr die Fans immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Wer euer Magazin schon einmal gelesen hat, der bekommt schnell den Eindruck, als wüsstet ihr alles, was mit dem Rasensport zu tun hat und würdet nichts anderes mehr machen.
Jürgens: : Naja, wenn du dich anfängst mit Fußball auseinanderzusetzen, merkst du schnell: Der Ball rollt eigentlich immer irgendwo. Wenn du bei uns arbeitest, ist eigentlich die Gefahr, dass man aufpassen musst, dass man irgendwann gar kein anderes Leben mehr führt. Natürlich gucke ich nach Feierabend noch oft die Spiele, aber dann geht es am nächsten Morgen ja auch schon weiter. Da muss man aufpassen.

Geschichte über Ostfrisia Moordorf war Herzensangelenheit

Frage: Wie lange bist du denn inzwischen schon bei 11Freunde dabei? Hast du die kompletten 20 Jahre miterlebt?
Jürgens: : Nein, ich bin jetzt seit 15 Jahren dabei. Philipp Köster aber, der mit mir das Jubiläumsbuch herausgebracht hat, hat das Magazin vor 20 Jahr gegründet.
Frage: Was waren denn für dich die prägendsten und schönsten Momente in den 15 Jahren?
Jürgens: : Puh, das ist schwer, da gibt es einige. Drei will ich mal nennen an dieser Stelle: Die erste Geschichte, die mir sehr viel bedeutet hat, war eine über Ostfrisia Moordorf. Das war wirklich eine Herzensangelegenheit, mal über meine eigene Vergangenheit zu berichten und journalistisch hinzugehen und mal zu schauen: Was steckt da eigentlich hinter dem Mythos mit dem Regenschirm und der Oma. Als zweites würde ich ein Interview mit Oliver Kahn aus dem Jahr 2006 nennen, das ich nach der Verkündung seines Karriereendes gemacht habe. Da fragte ich bei Bayern München an und der Pressesprecher sagte mir, dass unser Magazin ja noch nicht so groß sei und er nicht glaube, dass Kahn das machen würde. Aber Kahn hat zugesagt. Als Drittes zählt für mich unsere Serie „Die große Freiheit“ dazu, die wir anlässlich 20 Jahre Mauerfall nur mit Fußballern gemacht haben, und sie fragten, wo sie zu dem Zeitpunkt waren, als die Mauer fiel. Aber es gibt noch so viel mehr.

Spiele in Moordorf waren „immer ganz kurios“

Frage: Kommen wir mal auf Ostfrisia Moordorf zurück. In Eurem aktuellen Magazin zählt ihr den Platz dort zu den 150 Orten, die jeder Fußballfan einmal gesehen haben muss. Warum hat Moordorf für Dich so eine besondere Bedeutung? Du hast doch als Jugendlicher für den TuS Westerende Fußball gespielt.
Jürgens: : Ja, das stimmt, nachdem ich von der SpVg Aurich dorthin gewechselt bin. Mit dem TuS Westerende habe ich dann aber ein paar Mal gegen Ostfrisia gespielt. Das war immer ganz kurios. Wir kamen als Auricher ja quasi aus der Stadt und trafen dann auf die Moordorfer, die wie ein kleines gallisches Dorf gewirkt haben. Die waren immer gut, aber auch immer sehr renitent und nicht ganz einfach. Gegen die Fußball zu spielen, war immer etwas ganz Spezielles. Auch bei Auswärtsspielen haben die 400 Leute mitgebracht, das waren immer ganz heiße Spiele.
Frage: Du siehst Dich als Ostfriese, hast in Aurich angefangen Fußball zu spielen, geboren bist du aber in Oldenburg. Wie kommt es, dass Du dich trotzdem als Ostfriese betrachtest?
Jürgens: : Ich bin zwar in Oldenburg geboren, aber schon mit einem Jahr nach Aurich gezogen und dort auch aufgewachsen. Mein Vater lebt immer noch dort. Vom Herzen her bin ich Ostfriese. Ich fahre auch regelmäßig dorthin und besuche meinen Vater. Ostfriesland ist für mich gerade im Frühling und im Sommer einer der schönsten Flecken der Welt und mein Zuhause. Jetzt wo ich schon 15 Jahre in Berlin lebe, weiß ich das immer mehr zu schätzen und fahre immer öfter dorthin.

Arbeit bei 11Freunde hat ihn gereizt

Frage: Du hast wirklich eine wahnsinnige Reise hinter Dir – von Aurich nach Berlin zum 11Freunde-Magazin. Eine Zeit lang hast du sogar für den Playboy gearbeitet. Wie kam es dazu?
Jürgens: : Ich habe recht früh in meinem Leben die Entscheidung getroffen, Journalist werden zu wollen. Dann bin ich zunächst den ganz normalen Weg gegangen, den jeder in dieser Sparte geht: Ich habe ein Praktikum bei einer Tageszeitung gemacht und dann irgendwann bei der Pressestelle beim Luftwaffengeschwader Richthofen gearbeitet. Anschließend habe ich in Göttingen Publizistik studiert, bin danach nach Hamburg gezogen und habe dort geholfen, ein Musikmagazin mit aufzubauen, da ich auch in einer Band gespielt habe. In den 90er-Jahren habe ich hauptsächlich über Musik geschrieben und gar nichts mit Fußball zu tun gehabt. Ende der 90er dachte ich dann, ich müsste noch einmal etwas anderes machen und habe dann auf der Grundlage eines meiner Musikartikels ein Angebot vom Chefredakteur des Playboy in München bekommen. In dieser Zeit habe ich dann über Musik, Motorsport, Boxen, aber auch schon über Fußball geschrieben. 2005 kam dann das Angebot von 11Freunde aus Berlin, nachdem ich auch schon einige Artikel über Stefan Effenberg und Franz Beckenbauer geschrieben hatte. Damals war ich Mitte 30 und das Magazin hat mich gereizt, weil es mal eine ganz andere Form von Journalismus war. Ein Jahr später kam dann ja das Sommermärchen, das konnte ich natürlich vorher nicht planen.

Drüber nachdenken, was am Fußball das Wichtigste ist

Frage: Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, Geschichten über Franz Beckenbauer und Co., inzwischen sogar einen Weltmeistertitel. Als Sportjournalist bei 11Freunde hast Du schon viele große und einschneidende Dinge erlebt. Wie siehst du die momentane Entwicklung im Fußball aufgrund der Coronakrise?
Jürgens: : Ich glaube, wir müssen jetzt alle darüber nachdenken, was uns am Fußball das Wichtigste ist. Ist es die große Show, die können wir jetzt auch sehen am Fernseher in Form der Geisterspiele. Also quasi Spitzenfußball vor leeren Rängen. Oder ist es vielleicht doch die Gemeinschaft? Denn dann müssen wir uns fragen, ob wir die nur im vollen Stadion finden oder vielleicht auch schon auf dem Bolzplatz um die Ecke. Wir müssen jetzt alle darüber nachdenken, was für uns am Fußball das Wichtigste ist.
Frage: Eine letzte Frage zu deiner ehemaligen aktiven Fußballkarriere: Was war in deiner Jugend denn für Dich der schönste Moment mit dem Ball?
Jürgens: : Für mich war es das Pokalspiel 1987 – TuS Westerende gegen die SpVg Aurich. Endstand 3:2. Im Frühsommer im April, die Sonne hat geschienen. Als ich damals von der Spielvereinigung Aurich nach Westerende gewechselt bin, bekamen wir im Pokal die Auricher, also meine alte Mannschaft zugelost, obwohl die eine Klasse höher spielten mit der A-Jugend. Das Spiel haben wir dann tatsächlich aber 3:2 gewonnen. Es war unglaublich spannend. Ich habe ein Tor geschossen. Gegen diese Jungs aus der Stadt mit einer kleinen Dorftruppe zu gewinnen war ein unvergessliches Erlebnis. Das verbindet diese Mannschaft bis heute, obwohl wir uns schon ewig nicht gesehen haben. Ich denke noch oft, an dieses Spiel und den Platz in Westerende zurück.

Annika SchmidtVolontärin

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