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Fitnesssportler Sven Böhme: Warum aus einem Schrotthaufen kein Porsche wird

18.03.2020

Jever Sven Böhme nimmt kein Blatt vor den Mund. „Auf Essstäbchen kannst du keinen Dönerspieß stecken“, stellt der 48-Jährige unmissverständlich fest. Will sagen: Angehende Kraftprotze, die ausschließlich ihren Oberkörper stählen, aber die Beine vergessen, machen etwas Grundlegendes falsch.

Sven Böhme schwört schon seit Jahren – als der Trend noch gar nicht als solcher ausgemacht war – beim Fitnesstraining auf das eigene Körpergewicht. Zusammen mit ein paar Schnüren (neudeutsch: TRX), einem Lumpensack (neudeutsch: Corebag) oder Kugelhanteln (neudeutsch: Kettlebells) wird daraus ein ausreichend schweißtreibender Workout (altdeutsch: Trimm dich).

Mit Sport ist der gebürtige Rostocker letztlich aufgewachsen. Genau genommen ist er aber erst einmal bei den Großeltern groß geworden. Und wurde in der Schule gehänselt – weil er stotterte. Was er im Übrigen immer noch tut, nicht aber, wenn er als Übungsleiter vor einer Gruppe steht oder als Referent für den niedersächsischen Turnerbund im Einsatz ist. „Das ist wie eine Verwandlung. Dann bin ich die Rampensau. Ansonsten hängen die Schwierigkeiten stark vom eigenen Stress- beziehungsweise Wohlfühl-Level ab. Und offene Worte, also solche mit Vokalen, fallen mir leichter.“

Um sich stärker und wehrhafter zu fühlen, begann der Sechsjährige mit Judo. „Beweglich zu sein als Basis – vielleicht war das damals insgeheim schon mein Ding“, sinniert Böhme. Eins aber war sicher: „Meine Sportlehrer konnten gar nicht so schnell zählen, wie ich Liegestütz gemacht habe. 100 in einer Minute waren kein Problem.“

Hohe Anforderungen auch nicht. Böhme: „Klar, die DDR hat sich auch über die Erfolgen im Sport definiert. Aber Ziele zu erreichen fand ich auch für mich persönlich immer sinnvoll.“

Als eher sinnlos schätzte die DDR dagegen Karate ein. Was verboten war, erregte aber trotzdem die Aufmerksamkeit des Rostockers. „Jean-Claude Van Damme, Chuck Norris, Ytong-Steine zertrümmern – das fanden wir großartig und haben die Moves und Sprünge der Vorbilder nachgemacht. Später hatten wir aus dem Westen auch Karatebücher, aber anfangs war vieles autodidaktisch.“

Nach der Wende verschlug es Sven Böhme dann zur Marine; vier Jahre fuhr der MTV-Trainer zur See – und die Karate-Begeisterung fuhr mit. „Ich war der Bord-Ninja“, erinnert sich Böhme lachend. „Überall, wo man sich entlanghangeln konnte, bin ich auch entlanggehangelt. Und ich hatte, ein Riesenwaffenarsenal dabei: Nunchakus, Wurfsterne – aus heutiger Sicht ist das ziemlicher Unsinn, damals war Karate aber ein echter Hype.“

Umso erstaunlicher, dass dem Zeitsoldaten, der nach diversen beruflichen Stationen mittlerweile seit 2018 im Marketing einer Sicherheitsfirma in Jever arbeitet, für knapp neun Jahre der Sport abhanden kam. Erst Ende der 90er-Jahre führte Böhme der Weg zu Kuntao Schortens. „Ich hatte einfach wieder Bock auf Kampfsport“, lautet die klar formulierte Botschaft zum Wiedereinstieg.

Der Rest war wie in vielen Vereinen. Sven Böhme wurde nach „drei, vier Stunden“ gefragt, ob er nicht als Trainer einsteigen will. Kurze Zeit später leitete Böhme Gruppen im Kickboxen und Karate. Und gewann neue (westdeutsche) Erkenntnisse. „Viele haben nicht so für einen Sport gebrannt, wie ich das aus dem Osten kenne. Deswegen haben mich einige gehasst, wenn ich Vertretungsstunden übernommen habe. Denn ich stehe auf dem Standpunkt: Wer zum Sport geht, will sich auch anstrengen. und seine Belastungsgrenze kennenlernen.“

In der Folge nahmen Angebote und Anbieter zu. Sein Wissen gibt der mehrfach lizenzierte Übungsleiter mittlerweile beim MTV Jever, der SG Cleverns-Sandel und beim niedersächsischen Turnerbund weiter. Aerobic, Tae Bo („Aufwärmen mit Musik gab es bei mir schon, da hatte das Billy Banks in Amerika noch gar nicht erfunden“), Cross-Boxen, Stabilitätstraining, Thera-Fit, Fun Shape – die Angebote haben viele Namen. Das Grundsätzliche aber bleibt. Böhme: „Wenn die neuen Namen diese Angebote attraktiver machen, ist das in Ordnung. Letztlich geht es aber darum, eine Körperwahrnehmung zu entwickeln. Erst wenn diese Basis stimmt, kann ich mich um den Rest kümmern. Und das braucht Zeit. Und wenn ich mit einem Schrotthaufen ins Studio fahre, wird daraus kein Porsche mehr. Aber etwas Fahrtaugliches. Und das ist doch auch ein Ziel.“

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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