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Serie „Meine Sportkarriere“: ... aber entscheidend ist auf’m Bolzplatz

01.01.2020

Jever /Langenselbold Im Torschusstraining gibt es eine Übung, bei der der Schütze an der Grundlinie startet, den Ball zu einem Mitspieler an der Sechzehnmeterlinie spielt, dann um diesen herumläuft und das Leder möglichst zentral vorgelegt bekommt. Schießt der Angreifer jetzt aus der Drehung, geht der Ball aus dieser Distanz sehr oft entweder weit drüber oder auf den Torwart. Das war auch bei uns so.

Drüber schießen, das hieß durchlaufen und den Ball tief aus dem Gebüsch holen, damals bei uns in der C-Jugend der Spielvereinigung 1910 Langenselbold. In dem kleinen hessischen Dorfverein kickten wir auf dem Hartplatz. Der Dreck klebte uns zwischen den Stollen und das Flutlicht brannte sich durch die Dunkelheit.

Die Vorlagen gab der Trainer. Einer nach dem anderen versuchte sein Glück. Passen, laufen, Drehung, Abschluss, durchlaufen, wieder anstellen. Wenn ich um unseren Trainer herumgelaufen war, schaute ich nur auf den Ball.

Als Fußballer merkt man, wenn man die Kugel bei einem Weitschuss gut getroffen hat. Zum ersten Mal bei dieser Übung schrie unser Torwart. Wie alle Nachwuchstorhüter zu dieser Zeit eiferte er seinem Idol Oliver Kahn nach. Doch diesmal reckte und streckte er sich weiter und weiter und bekam den Schuss doch nicht zu fassen.

Der Ball schlug ins Kreuzeck ein. Meine Mitspieler bejubelten den Treffer, als wäre er im Spiel gefallen. Dieses Mal musste ich nicht durchlaufen, sondern konnte den Ball aus dem Netz holen. Ich stellte mich hinten an. Als ich wieder an der Reihe war, sagte hinter mir einer, lachend: „Mach das noch mal so!“

Wieder schaute ich nur auf den Ball und zog den Schuss aus der Drehung herum. Der Torwart schrie diesmal noch lauter als Olli Kahn. Der Schuss knallte an die Unterkante der Latte und ging wieder in den Winkel.

Der letzte Ehrgeiz fehlte

Das sollte allerdings der Höhepunkt meiner Laufbahn im Vereinsfußball bleiben. Neben dem richtigen Talent fehlte mir auch der nötige Ehrgeiz, um erfolgreich zu sein. Mir erschien es so hochgradig unwahrscheinlich, aus einem kleinen Dorfverein den Sprung in den Profibereich zu schaffen, dass ich nie mit diesem Ziel auf den Platz ging. Meine Fußballkarriere endete etwa zwei Jahre später, nachdem wir einen neuen Trainer bekommen hatten, der an seiner Startformation so verbissen festhielt, als würden wir tatsächlich für viel Geld dem Ball hinterher rennen. Da die Schule auch immer mehr Zeit in Anspruch nahm, entschied ich mich, ganz aufzuhören.

Angefangen mit dem Fußball hatte ich neun Jahre vorher, und lange Zeit zog ich keine andere Sportart in Betracht. In der Schule wurde mir der Sport zu sehr mit Leichtathletik gleichgesetzt. Ich war in keiner Disziplin gut, und Lust, mich zu verbessern, hatte ich auch nicht. Springen und Werfen machten für mich keinen Sinn, ich war ja schließlich kein Torwart. Und Laufen ohne Ball am Fuß war Straftraining. So nahm ich jedes Jahr meine Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele entgegen, warf sie zu Hause in den Müll und traf mich abends mit Freunden wieder auf dem Sportplatz der Schule. Nun aber mit Ball, und diesmal rannte ich auch mit Seitenstechen noch weiter.

Alles konnte unser Spielfeld sein: Ein Hinterhof mit Garagen als Tore, eine Wiese, auf der die Äcker ringsum die Linien darstellten und wir unsere Rucksäcke und Wasserflaschen als Pfosten benutzten. Wir spielten, bis eine Mannschaft fünf Tore erzielt hatte. Und fingen dann wieder bei 0:0 an.

Im Verein stellten mich meine Trainer meist im Sturm auf. Wir schwankten zwischen durchschnittlichem und miserablem Kreis-Niveau, sodass es ein seltener Höhepunkt war, wenn man wenigstens auf dem Trainingsplatz mal ein Traumtor erzielte.

Rückblickend hätte ich gerne mal einen Trainer gehabt, der uns tatsächlich Fußball beigebracht hätte. Und bemerkt hätte, dass ich meine Stärken eher im Ballverteilen als im Tore schießen hatte. All das hätte mich sicherlich auch nicht unfassbar weit gebracht, aber vielleicht hätte es dazu geführt, dass ich nicht mit 15 aufgehört hätte, weil ich keine Lust mehr hatte. Natürlich wollte ich immer gewinnen, aber letztlich waren mir Ergebnisse nie wichtig. Deshalb war ich immer lieber auf dem Bolzplatz als im Mannschaftstraining.

Vom ehemaligen Fußballer Alfred Preißler, der in den 1950er-Jahren mit Borussia Dortmund als Kapitän zwei Deutsche Meisterschaften gewann, stammt ein Zitat, das noch heute auf dem Stadiongelände des BVB zu lesen ist: „Grau ist im Leben alle Theorie, aber entscheidend ist auf’m Platz.“ In meiner Jugend hieß es dagegen: „... aber entscheidend ist auf’m Bolzplatz.“

Körbe statt Tore

Nach dieser Zeit gab ich dann doch noch einer anderen Sportart eine Chance: dem Basketball. Einer meiner Schulfreunde hatte schon seit Jahren oft von der NBA gesprochen. Wenn ich bei ihm zu Besuch im Nachbarort war, zeigte er mir krisselige VHS-Aufnahmen aus der amerikanischen Profiliga. Wie die Spieler es schafften, scheinbar blind ihre Würfe zu versenken, das faszinierte mich. So gingen wir irgendwann zum Training des örtlichen Ballsportvereins. Nun also doch: werfen und springen. Immerhin mit Ball. Die Basketballsparte war allerdings so klein, dass der Jugendbereich aus einer einzigen Trainingsgruppe bestand und nicht am Ligabetrieb teilnahm.

Ich mag die Sportart noch heute, weil man beim Basketball viel über Taktik, Laufwege und Raumaufteilung lernt und das Problem eben nicht gelöst ist, wenn man seinen Gegenspieler nur hart genug attackiert. Andere Sportarten leben von ihren verbissenen Zweikämpfen, aber nicht umsonst gibt es auch im Fußball den Spruch: „Wer grätscht, steht falsch.“ Lange blieb ich trotzdem nicht beim Basketballtraining.

Heute darf ich über Sport schreiben, und wenn es die Zeit zulässt, kann ich den ganzen Tag Übertragungen im Fernsehen anschauen. Fitnesstraining ist für mich mehr selbstauferlegter Zwang als wirklicher Spaß. Dafür brauche ich bis heute – einen Ball.

Christoph SahlerVolontär

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