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Ballett-Porträt: Von der Qual der Wahl und einer Qual nach Wahl

13.05.2020

Wilhelmshaven Unter dem Hashtag „Surpass Your Potential“, ins Deutsche vielleicht am Besten mit „Sei besser als dein Potenzial“ übersetzt, wirbt die (derzeit coronabedingt geschlossene) Elmhurst Ballet School in Birmingham seit Wochen mit kurzen Videoclips in eigener Sache.

Das im Mai aktuell bei Facebook und Instagram hochgeladene Video zeigt Tim Morgenstern aus Wilhelmshaven, einer der vielen internationalen Schüler der Ballett-Schule. Und der 19-Jährige ist genau auf diesem Weg unterwegs: Ausbildung bei der Tanzakademie am Meer, seit September 2018 in Birmingham. Um noch besser zu werden. Um das Potenzial auszureizen. Um den Traum vom Profi-Ballett-Tänzer zu verwirklichen.

Der entstand bei Tim Morgenstern bereits frühzeitig, auch wenn die Deutungshoheit bezüglich der Ursprünge der Tanzbegeisterung familienintern umstritten ist. Fakt ist: Mit acht Jahren begann er mit dem Tanzen – unabhängig davon, ob Vater Frank eventuell der Meinung war, das Rumgehopse des Filius im Wohnzimmer müsse in geordnete Bahnen gelenkt werden.

Fakt ist auch: Anschließend kam der junge Wilhelmshavener nicht mehr von dem für ihn richtigen Weg ab. „Ballett und Tanz waren mir immer wichtig. Deshalb bin ich auch Ian Owen und Christine Eilks für die Ausbildung an der Tanzakademie dankbar. Aber ich war mir auch früh sicher, eine professionelle Ausbildung starten zu wollen. Damals wäre ich aber nicht gut genug gewesen, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen.“

Nach dem Abitur im April 2018 an der Cäcilienschule war die Zeit aber reif. Tim Morgenstern bewarb sich an einem halben Dutzend Ballett-Schulen in Deutschland und Großbritannien, darunter bei der US-amerikanischen Tänzerlegende John Neumeier, der Hochschule für Darstellende Künste in Frankfurt/Main und Häusern in England und Schottland.

Mit der Entscheidung tat er sich schwer

Dafür erforderlich waren Fotos und Videos oder – zum Teil in der Abiturphase – Flüge nach London und Birmingham, um dort – wenn nötig auch zweimal – vorzutanzen. Morgenstern: „Zum Teil stehen mehr als 30 Bewerber auf der Bühne, wobei es bei Jungen tendenziell weniger sind, weil sich mehr Mädchen bewerben. Dann geben die Lehrer eine Übung, eine kurze Sequenz vor, die dann nachgetanzt werden muss und das zieht sich bis zu 90 Minuten hin. Und alle haben Nummern – wie die Rennpferde.“

Aber das Potenzial des Wilhelmshaveners scheint vorhanden gewesen oder erkannt worden zu sein. Denn am Ende hatte Tim Morgenstern die Qual der Wahl – bei vier Zusagen. Und eine Qual war es durchaus, denn mit der Entscheidung tat er sich schwer. „Ich habe meine Eltern wohl in die Verzweiflung getrieben, viel mit anderen Tänzern und Lehrern gesprochen. Am Ende hatte ich das Gefühl, das Elmhurst einfach eine maximal solide Ballettausbildung bietet und damit die beste Zukunftsperspektive.“

Im September 2018 ging es so – versehen mit einem Teilstipendium – in Birmingham los. Und das Programm war von Anfang eng getaktet. 24 Stunden Tanz stehen jede Woche auf dem Programm, die erste „Einheit“ beginnt um 8.45 Uhr – und anschließend können die Tage schon einmal lang werden. Morgenstern. „Eigentlich endet der Unterricht um 18 Uhr, aber vor 19 Uhr oder 19.30 Uhr bin ich eigentlich nie fertig, weil immer noch etwas geprobt werden muss oder jeder für sich noch etwas Krafttraining macht. Irgendwo ist so immer jemand noch beschäftigt.“

Daraus lässt sich ableiten, dass die englische Millionenstadt am Abend nur eine geringe Anziehungskraft ausübt. „Ich habe kein Bedürfnis, nach dem Schultag in den Pub zu gehen, denn gerade am Anfang habe ich gemerkt, dass ich die Pausen brauche. Mittlerweile hat sich mein Körper an die Strapazen gewöhnt, aber nach ein paar Wochen ist es schon ganz gut, dass wir auch Physiotherapeuten im Haus haben, in dem – auch wegen der vielen jüngeren Schüler – ein striktes Alkoholverbot herrscht.“

Dieses Jahre beginnt das Vortanzen für Engagements im Herbst 2021

Alle drei Monate gibt es zudem eine Art Schüler-TÜV. Tim Morgenstern und seine Mitstreiter werden gemessen und gewogen. „Growth and Development“ (Größe und Entwicklung) nennt sich der Programmpunkt – angereichert durch zahlreiche weitere. Neben klassischem Ballett stehen auch Jazztanz oder Flamenco auf dem Lehrplan, und auch zwei echte Schulfächer – beim 19-Jährigen sind das englische Literatur sowie Drama und Theater. „Denkende Tänzer sind bessere Tänzer“, heißt diesbezüglich das Motto in Elmhurst.

Und ins Grübeln kam der Wilhelmshavener anfangs schon. „In der Ballettschule zuhause bist du der Topmann. Und dann kommst du hier an und es gibt ganz viele, die besser sind als du. Und dann kommen Fortschritte nicht so schnell wie erhofft. Stattdessen musst du sie dir hart erarbeiten. Das nagt an dir. Aber ich habe nie an Aufgabe gedacht.“

Im März war – bedingt durch Corona – für Tim Morgenstern in Birmingham trotzdem Schluss. Vorzeitig. Ungeplant. Und Hals über Kopf. „Einige internationale Schüler waren bereits weg. Ich habe dann zusammen mit meinen Eltern entschieden, dass ich zurückkomme, bevor die Grenzen geschlossen werden. Glücklicherweise gab es noch einen Platz im Flieger von London nach Bremen, so dass ich kurzfristig zurückkonnte. Zwei Tage später wurden dann alle Schulen in England geschlossen.“

Wann es für der 19-Jährigen auf der Insel weitergeht, ist derzeit noch offen. Viel läuft derzeit online – oder wieder als (deutlich verbessertes) „Rumgehopse“ im elterlichen Wohnzimmer in Wilhelmshaven. Im Juli 2021 möchte Tim Morgenstern dann sein Zertifikat in Händen halten, die ersten Prüfungen hat der 19-Jährige bereits bestanden.

Bereits Ende des Jahres aber beginnt das Vortanzen für Engagements im Herbst 2021. Deutschland bietet dabei mit seinen Staatstheatern und seinen festen Ensembles einen bei vielen Ballett-Tänzer begehrten Arbeitsplatz.

Auf jeden Fall geht dann alles wieder von vorne los. Beziehungsweise fast alles. „Beim Vortanzen wird auf jeden Fall ein anderer Tim Morgenstern zu sehen sein – nicht nur technisch, sondern auch in Sachen Präsenz“, formuliert der 19-Jährige bereits einmal in eigener Sache das Bewerbungsschreiben.

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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