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Sportabzeichen-Selbsttest: Wenn die alte Badehose auf eine neue Herausforderung trifft

25.06.2020

Wilhelmshaven Das Deutsche Sportabzeichen also soll es sein. Premiere nach 58 Jahren. Nachdem alle Ausreden schon einmal formuliert worden sind, der Biorhythmus das einfach nicht hergab oder – noch einfacher – der Beruf oder diese hartnäckige Zerrung, das schlechte Wetter – oder schlicht die „Überzeugung“, dass dieser Leistungstest für einen gelegentlich Drachenboot fahrenden, dauerhaft radelnden Volleyball-Titanen keine wirkliche Herausforderung darstellt. Die ersten Reaktionen im Bekanntenkreis: Das ist bei älteren Damen in der Umkleidekabine ein Thema. Die Reaktionen bei den Mittitanen des STV Wilhelmshaven: Sehr, sehr verhalten (oder s.o.). Der Nachbar: Hat Freitag um 18 Uhr leider einen Friseur-Termin. Aber man müsste eigentlich mal wieder . . .

Muss man auch. Denn: Das Deutsche Sportabzeichen macht Spaß, ist nach einer Reform 2012 mit neuen Disziplinen und einem überarbeiteten Leistungskatalog spätestens in der Goldversion auch für ansonsten Aktive eine Herausforderung. Und Wilhelmshaven bietet dafür beste Bedingungen und eine motivierte und gut gelaunte Prüfergruppe um die Sportabzeichen-Verantwortliche Birgit Otten.

Erster Teil der goldenen Mission: die Leichtathletik

Lokaltermin im Sportpark Freiligrathstraße. Triathlon-Experte Detlef Otten empfiehlt den Sprint als Auftakt und nicht unbedingt den Versuch, alle vier leichtathletischen Teilbereiche – Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination – an einem Abend auf der Einzelprüfkarte zu verewigen. Wie kommt er bloß darauf? Hat Detlef Otten vielleicht dieses Glitzern in meinen Augen gesehen. Oder die tief stehende Sonne falsch interpretiert? Denn natürlich was das das Ziel: Er kam, sah und siegte. Die Artikel-Überschrift war gedanklich schließlich bereits formuliert.

Vor dem Start in den dritten sportlichen Frühling steht aber das Aufwärmen – und zwar auf dem ansonsten von den Fußballern des WSC Frisia für Punktspiele genutzten Rasen. Und da fällt beim Blick an den blauen Laufschuhen vorbei auf, dass der Rasen nicht heilig, aber unglaublich dicht gewachsen ist. Kurzfristig entsteht der unlautere Gedanke, 5  x 10 Meter dieses Traumgrüns auszustechen und die heimische Unkrautwiese damit zu ersetzen. Ob Spatenwerfen vielleicht auch als Koordinations-Disziplin gewertet werden kann? Oder 50 Quadratmeter Rasenausbudeln in 23:10 Minuten goldverdächtig ist?

Während ich mich gedanklich gerade in heimgärtnerischen Tagträumen zu verlieren drohe, bittet Detlef Otten zum 50 m-Sprint. Allerdings bin ich irritiert: Kein Startblock weit und breit. Keine Gefahr eines Fehlstarts, weil ich 100 Millisekunden, nachdem die Startklappe hinter mir scheppert, schon losgeflitzt bin. Zeit also für etwas Aufklärung. Otten: „Der Startblock hat sich als nicht sinnvoll erwiesen, weil er technisch sehr anspruchsvoll ist und Ungeübte nur sehr schlecht heraus und in einen Rhythmus kommen.“ Ein Start also aus dem Stehen. Und ein Lauf, der 7,6 Sekunden später bereits wieder beendet ist. 8,5 Sekunden hätten für Gold gereicht – Mission erfüllt.

Laufen gehört nicht zu den sportlichen Kernkompetenzen

Nach einer kurzen Pause geht es mit zahlreichen weiteren Leidensgenossen unter den 18 Absolventen an diesem Abend hinüber zum 3000 m-Start. 17:50 Minuten blinken vor meinem geistigen Auge auf, ein Schnitt unter sechs Minuten auf 1000 Meter und die Demarkationslinie, die Gold von Nicht-Gold trennt. Der Vollständigkeit halber: Ich bin Volleyballer und hüpfe seit mehr als 40 Jahren in der Gegend herum. Mittlerweile zwar eher mit einem als mit zwei Knien – will aber sagen: Laufen gehört nicht zu meiner sportlichen Kernkompetenz. Ein bisschen durch den Stadtpark zockeln, eine Feierabendrunde für den Kopf. Prima. Acht Stadionrunden und 200 m als Zugabe. Eher nicht so prima bei sommerlichen Temperaturen.

Erzählen Läuferinnen und Läufer nicht häufig, dass ihnen unterwegs ganz viele Dinge durch den Kopf gehen? Irgendwie bestätigt sich das nicht: Ich zähle Runden, sehe Jeannette Schöndube und Sandra Junge davoneilen und den Volleyball-Kollegen Rafi Suleiman mich überrunden. Der muss aber als 19-Jähriger auch in 13:50 Minuten für Gold im Ziel sein – hat also einen ganz anderen Auftrag.

Unterdessen beschleicht mich der Gedanke, viel zu schnell angegangen zu sein. Gefühlt arbeiten die Beine unter mir immer widerwilliger und ich schleiche nur noch über die jüngst durch eine Fachfirma kunstvoll aufbereitete Kunststoffbahn. An den großen mitreißenden Schlussspurt auf der Zielgeraden, der die Fans im Sportpark noch einmal elektrisiert, ist nicht zu denken. Stattdessen bringe mich zittrige Beine zu Prüfer Erwin Schmitt, der bereits seit 15 Jahren Sportabzeichen-Prüflinge an sich vorbeiziehen sieht. Mich in 16:26 Minuten – nichts für die Annalen des niedersächsischen Leichtathletik-Verbandes, aber eine Drei-Punkte-Gold-Leistung für die Prüfkarte. Berauscht von diesem Hochgefühl wird Prüfer Jörn Felbier gestoppt, der mit einem Handwagen voller Kugeln bereits auf dem Weg in Richtung Feierabend ist. Schließlich dürfen die ganzen halbherzigen Besuche im Kraftraum nicht völlig umsonst gewesen sein. Also her mit dieser 6 kg-Kugel.

Vier Versuche, viermal glücklicherweise begleitet vom lautstarken Hinweis, den Ring nach hinten zu verlassen, weil der Versuch sonst ungültig ist. 8,57 m weit fliegt die Kugel beim besten Versuch. Gold – und ohne jegliches Training nur sechs Zentimeter weniger als die Nummer 3 in den M 55 in diesem Jahr in Niedersachsen. Was ist da los im Land? Und an der Freiligrathstraße? Da wird Abend. Der Weitsprung muss bis Freitag warten. 3,40 m für Bronze, 4,20 m für Gold. Das klingt nach irgendetwas zwischen Zerrung und Muskelfaserriss. Eine koordinative Alternative ist aber in Sicht: 30 Grundsprünge rückwärts ohne Zwischensprung. Klingt zwar nicht so sexy, aber gesünder.

Wie läuft es beim Schwimmen?

Der treuherzige Verweis, dass meine Mutter in den 60er-Jahren mal ein Freischwimmer-Abzeichen auf meine schicke hellblaue Badehose genäht hat (danach war Feierabend, weil für Fahrten ein Sprung vom Drei-Meter-Brett nötig war), zieht bei Birgit Otten nicht. Ein aktueller Nachweis meiner Schwimmfertigkeit muss vorgelegt werden – sonntags um 10 Uhr im Freibad Nord.

200 Meter müssen dafür geschwommen werden – in einer Zeit, die ich auf den vier Bahnen schon wieder vergessen habe, während mein Magen offensichtlich das Nutella-Brot vom nicht lange zurückliegenden Frühstück noch in Erinnerung hat. Egal: „Nachweis liegt vor“, kreuzt Birgit Otten an, die mich auch noch zu einem Sprint über 25 Meter ermuntert (17,0 Sekunden), obwohl ich doch meine gazellenhafte Schnelligkeit bereits in der Leichtathletik unter Beweis gestellt habe. Nicht egal: Die Rutsche ist gesperrt. Hat zwar nichts mit dem Sportabzeichen zu tun, macht aber Spaß. Zu guter Letzt: Sportpark Freiligrathstraße und Freibad Nord – das waren auch 26 CO2 -freie Kilometer für das Stadtradeln in Wilhelmshaven.

Martin MünzbergerLeitung Sportredaktion

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