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Lokal26.de Nordsee

Funde auf den Inseln: Kiefer-Fragmente sind über 5000 und 7000 Jahre alt

22.05.2020

Spiekeroog Sie sind alt, und zwar steinalt: Die Unterkiefer von Spiekeroog und Baltrum, die zurzeit im Inselmuseum, dem alten Kapitänshaus von Spiekeroog, gezeigt werden, „zählen zu den ältesten Fossilien überhaupt, die wir jemals in Ostfriesland gefunden haben“, so Archäologe Dr. Jan Kegler von der Ostfriesischen Landschaft.

Beide Kiefer geben nach Aussagen des Archäologen erstmalig Auskunft über die steinzeitliche Besiedlung der Nordseeküste. Eine gemeinsam mit den Inselgemeinden Spiekeroog und Baltrum sowie der Ostfriesischen Landschaft entwickelte Studioausstellung erzählt jetzt von den Funden und ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen.

Es sind spektakuläre Funde, die 2016 und 2018 auf den beiden Inseln entdeckt wurden. Zuerst kam der Spiekerooger Kiefer zutage, den ein umsichtiger Insulaner bei einem Strandspaziergang fand.

7500 und 5500 Jahre sind die Funde alt

Der zweite Unterkiefer wurde zwei Jahre später auf Baltrum angespült und dort von einem Besucher aufgelesen. Bei beiden konnte inzwischen ein hohes Alter nachgewiesen werden: circa 7500 Jahre bei dem Spiekerooger Fund und etwa 5500 Jahre bei dem von Baltrum. Vermutlich stammen beide Kiefer von Männern, die im Alter von etwa 40 Jahren verstorben sind.

Kürzlich gingen die beiden steinzeitlichen Unterkiefer zu Forschungszwecken erneut auf eine lange Reise: Vor Ausstellungsbeginn sollten noch weitere Untersuchungen angestellt werden. Diese zielten auf die Analyse der stabilen Isotope der Elemente Kohlenstoff, Stickstoff und Strontium. Außerdem sollten naturgetreue Repliken der Objekte erstellt werden.

Solcherlei Analysen können nur in einem Fachlabor durchgeführt werden. Als Partner fungierte dabei das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim.

Es kommt auf das Verhältnis von Isotopen und Elementen an

Was ist nun das Aufschlussreiche an den Ergebnissen der durchgeführten Analysen? Jan Kegler erklärt es so: „Das Verhältnis der Isotopen in den Elementen Kohlenstoff (C) und Stickstoff (N) gibt uns Wissenschaftlern Auskunft über die Diät der Menschen. Haben sie große Mengen marine Nahrung zu sich genommen, zum Beispiel Fisch, Muscheln, Robbenfleisch oder Ähnliches, dann ist der Anteil des stabilen Isotops 13C höher. Beim Verzehr von nur terrestrischer Nahrung wie Pflanzen und Getreide oder Fleisch von Landsäugetieren ist der 15N-Wert dagegen niedriger. Die Verhältnisse geben also Hinweise auf den Lebensraum und die Nahrung der Menschen.“

Das Element Strontium (Sr) lagere sich bei den Zähnen im Schmelz ein. Es verändere sich dann nicht mehr. Wenn die Menschen an der Küste aufgewachsen seien, müsse das Verhältnis dem hiesigen Wert entsprechen. Stammten sie jedoch von woanders, beispielsweise aus dem Mittelgebirgsraum, dann lasse sich das am Strontiumgehalt feststellen. „Dafür mussten in Mannheim kleinste Mengen an Zahnschmelz und Knochensubstanz entnommen werden“, schildert Kegler die Vorgehensweise.

3-D-Objekt mit 400 Bildern

Zudem kann durch ein aufwendiges fotografisches Verfahren mit etwa 400 Bildern pro Objekt am Computer ein dreidimensionales, farbechtes Abbild der Kiefer erzeugt werden. Dieser als 3-D-Modellierung bezeichnete Prozess ist die Grundlage für eine spätere Rekonstruktion im 3-D-Drucker. Die 400 Bilder der Kiefer werden mittels eines Computers gerendert und die Datei im Rahmen der additiven Fertigung an einen entsprechenden Drucker ausgegeben. Das Ergebnis sind farbechte Reproduktionen, die mit den Originalen im Mikrometerbereich exakt übereinstimmen.

Ein letzter Schritt war die Entfernung von je einem Backenzahn aus den menschlichen Kiefern. Sie wurden an das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena weitergeleitet. Dort sollen in der nächsten Zeit Gen-Proben aus den Zahnwurzeln extrahiert werden. Da es sich bei den Funden um die einzigen gut erhaltenen Zeugen der Steinzeit der Nordseeküste handelt, sollen die genetischen Proben als Vergleich herangezogen werden. Das Ziel ist die Untersuchung von Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Bevölkerungen über die Analyse von Wanderungsbewegungen und früheren demografischen Entwicklungen bis hin zu den Beziehungen innerhalb einzelner Bevölkerungsgruppen. Die beiden Unterkiefer aus der Steinzeit können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Die bereits früh angenommene Zeiteinschätzung konnte bestätigt werden: In der Jungsteinzeit – bis etwa 2800 v. Chr. – lebten die Menschen als Jäger und Sammler, wurden jedoch langsam sesshaft und betrieben Ackerbau.

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Max-Planck-Institut

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