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Lokal26.de Ostfriesland

Corona-Ausbruch in Leer: Eine Feier, die es so nie hätte geben dürfen

05.06.2020

Jheringsfehn Wer eine Gaststätte betreiben will, braucht ein einwandfreies Führungszeugnis. Sonst gibt es keine Konzession. Eine Vorstrafe wird erst nach fünf Jahren aus dem Register gestrichen. Der Pächter des Restaurants „Alte Scheune“ in Jheringsfehn, bei dessen Wiedereröffnung etliche Menschen am Coronavirus erkrankten, hätte demnach die Gaststätte gar nicht öffnen dürfen.

Nach Recherchen des freien Journalisten Bernhard Fokken (Leer) hätte die Feier am 15. Mai in dem Lokal nicht stattfinden dürfen – unabhängig von Hygiene- und Abstandsregeln und dem Verhalten der Gäste. Fokken: „Das Lokal hätte nicht geöffnet sein dürfen. Der Grund: Der Pächter ist einschlägig vorbestraft, verurteilt zu dreieinhalb Jahren wegen Betrügereien, freigelassen am 19. Dezember vorigen Jahres. Die Vorstrafe disqualifiziert ihn wegen Unzuverlässigkeit für eine Gaststättenerlaubnis“, schildert der Journalist die Umstände; er beruft sich auf sichere Quellen.

Zwar sehe der Pressekodex des Deutschen Presserates, die Messlatte für Journalisten, indirekt zwar vor, dass Vorstrafen in der Berichterstattung nichts zu suchen haben – aber nicht uneingeschränkt. So heißt es gleich im ersten Satz: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ Später sei noch davon die Rede, dass „bei identifizierender Berichterstattung das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen muss“. Der Pächter selbst sei in diesem Fall aber nach vorn in die Öffentlichkeit geprescht, „sodass auch dieser Punkt geklärt ist“, führt Fokken aus.

Bei den Unterlagen fehlt das Führungszeugnis

Geht es nach den Vorschriften der Behörden, dann hätte der Pächter der „Alten Scheune“ keine Gaststätte führen dürfen. Das zuständige Rathaus der Gemeinde Moormerland hätte ihm die Erlaubnis auch nicht erteilt, „wenn er sie nicht erschlichen hätte“, so Fokken. Bei Vorlage der Unterlagen fehlte ein Dokument – nicht zufällig das Führungszeugnis, so seine Einschätzung. In Unkenntnis der Vorstrafe wollte das Rathaus dem Wirt wohl keine Knüppel zwischen die Beine werfen und erteilte eine vorläufige Konzession – weil er das Führungszeugnis nachreichen wollte. Das tat der Pächter denn auch: Am Freitagmittag, 15. Mai, warf er es ein. Wenige Stunden vor der Feier. Die Gemeindeverwaltung hatte sich da schon ins Wochenende verabschiedet.

So nahm das Elend seinen Lauf. Auf der Feier infizierten sich etliche Personen mit dem Coronavirus. Noch immer steigt im Landkreis Leer die Zahl der am Covid-19-Virus erkrankten Menschen, deren Ursache auf besagte Feier mit rund 50 Personen zurückgeht. Fokken: „Einige hat es heftig erwischt, ringen um ihr Leben.“

Der Virus-Ausbruch beschäftigt Zeitungen, Radio und Fernsehen in ganz Deutschland. Der „Tagesschau“ war es die Top-Meldung wert. Kanzlerin Merkel diente der Fall bei Leer als warnendes Beispiel. Und das Internet ist voll vom Thema.

Der Arzt und die Meyer Werft

Warum wurde die „Alte Scheune“ zum Corona-Hotspot? Da ist die Sache mit der Konzession für den Wirt, die es nicht hätte geben dürfen. Fokken zählt weitere Umstände auf: „Mindestens ein Gast der Feier am Vorabend der Neueröffnung des Lokals ist infiziert, unwissentlich oder nicht, spielt hier keine Rolle. Hinzu kommt, dass der Verpächter des Lokals, ein Arzt aus Leer, bei der Feier mit dabei ist.“ Dieser Arzt hat sich selbst auch infiziert, wie sich später herausstellt. Und in seiner Praxis werden in den Tagen danach Abstriche von anderen Teilnehmern genommen.

Weitere Kreise zieht die Sache, weil leitende Mitarbeiter der Meyer Werft sich dort ebenfalls Abstriche nehmen ließen – denn eine Tochter des Arztes ist Personalchefin des Unternehmens und war auch bei der Feier dabei. Seitdem hockt die halbe Geschäftsführung der Werft in häuslicher Quarantäne, und Betriebsräte gleich mit.

Der Wirt wäscht seine Hände in Unschuld. Schuld sind die anderen. Fokken: „Ein Anwalt aus Berlin macht Wind für ihn, droht mit Abmahnungen. Viel heiße Luft. Medien lassen sich davon wie am Nasenring durch die eigene Manege ziehen. Der NDR knickt gar vor dem Berliner Advokaten ein und unterschreibt eine Unterlassungserklärung, weil eine Reporterin die Vorstrafe nennt.“ Für Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) besteht nach den vermehrten Corona-Fällen rund um die „Alte Scheune“ der begründete Verdacht, dass die Regeln nicht eingehalten worden sind. Die Behörden würden nun Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die Organisatoren, aber auch gegen die Teilnehmer der Feier einleiten.

Die Pressestelle des Landkreises Leer bestätigte auf Anfrage, dass etliche Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden sind. Auch der Wirt und der Verpächter sind davon nicht ausgenommen. Näheres wollte man wegen der laufenden Verfahren nicht sagen. Mit einem Ergebnis ist so schnell nicht zu rechnen. „Das kann dauern“, so ein Sprecher des Landkreises.

Manfred HochmannStellv. Redaktionsleitung

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