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Lokal26.de Ostfriesland

Thema der Woche - Liebe: Liebe, die kaputt macht

15.02.2020

Ostfriesland /Friesland Wenn Eltern ihre Kinder innig umarmen und sie ganz festhalten, ist es so, als würde die Zeit stehen bleiben. Sie zeigen ihren Kleinsten, dass egal, was passiert, sie in diesen Armen immer sicher sein werden. Rieke*, 19 Jahre, kennt dieses Gefühl nicht. Ihre Kindheit war geprägt von einem Vater mit zwei Gesichtern und einer Mutter, der die Kraft fehlte, zu handeln. „Mein Vater wirkt auf viele total nett, hilfsbereit und offen, aber wenn er getrunken oder gekifft hat, kommt eine andere Seite raus“, sagt die junge Frau. Eine Hassliebe verbinde ihre Eltern: innig hätten sie sich geliebt, aber Kleinigkeiten konnten zu Streitigkeiten führen. Oft sei sie zu lauten Diskussionen eingeschlafen. Die Folgen des Streits habe sie morgens auf dem Körper der Mutter gesehen.

Was Rieke als Kind miterleben musste, wird häusliche Gewalt genannt. Gemäß eines Erlasses des Niedersächsischen Justizministeriums fallen darunter alle strafbaren Handlungen, „die die körperliche, psychische, sexuelle oder wirtschaftliche Integrität des Opfers beeinträchtigen“, die in jeder Art von Paarbeziehung begangen werden oder wurden. Dazu zählt nicht nur jegliche Form von Körperverletzung. Auch andere Straftatbestände wie Beleidigungen, Bedrohungen, sexuelle Nötigung oder Stalking sind darin enthalten.

Ebenso zahlreich wie die Arten von häuslicher Gewalt sind auch die gemeldeten Fälle. Die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund verzeichnete 578 Fälle im Jahr 2018, in Friesland und Wilhelmshaven waren es im vergangenen Jahr 567. Diese offizielle Zahl sage jedoch nichts über die tatsächliche Anzahl der Fälle aus, sagt Michaela Dörjes von der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland. Die Dunkelziffer läge höher. „Wir erfahren nur von häuslicher Gewalt, wenn uns entweder die Opfer oder die Nachbarn gerufen haben. Was sonst hinter verschlossenen Türen passiert, bekommen wir tragischerweise nicht mit.“

Die offiziellen Zahlen könnten aber auch einen falschen Eindruck erwecken, wenn es um die Anzahl der Opfer geht. Nicht hinter jeder Zahl steht ein Opfer. Wie bei Rieke handelt es sich oft um einen schon bekannten Täter und das gleiche Opfer. „Die Polizei kannte unsere Adresse. Auch die Nachbarn wussten das. Alle wussten das!“ Aber nie sei irgendwas passiert.

Dass es oft erst spät zu Konsequenzen für die Täter kommt, liegt daran, dass sie nur strafrechtlich verfolgt werden können, wenn die Opfer eine belastende Aussage machen. Das tat Riekes Mutter nie, sodass sie fast 20 Jahre erniedrigt, geschlagen und, wie die Tochter vermutet, ihr auch Schlimmeres angetan wurde.

So erinnert sich die 19-Jährige an schlimme Momente. Vor allem die regelmäßige Flucht aus der Wohnung ist im Gedächtnis geblieben, das Gefühl der Angst war omnipräsent – vor dem Mann, mit dem sie noch Stunden vorher gespielt hatte. „Mit fünf Jahren habe ich meine Mutter das erste Mal angebettelt, nicht mehr zurück zu gehen. Immer wieder hat sie gesagt, dass sie es dieses Mal durchziehen wird. Sie wusste, dass es das Richtige gewesen wäre. Aber wir sind immer zurück zu ihm, und sie haben sich vertragen.“ Die Beteuerungen seien zu Lügen geworden, sodass sie irgendwann aufgehört habe, ihr zu glauben.

Riekes Schilderungen sind dramatisch und werfen die Frage auf, warum Opfer nicht sofort die endgültige Flucht suchen. Um die Frage zu beantworten, muss vermutlich eine weitere gestellt werden: Wenn statistisch gesehen etwa ein Drittel aller Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erleben, wieso gehen so wenig damit in die Öffentlichkeit?

Die Antwort: Auch wenn sich die Täter gegenüber der Justiz verantworten müssen, sind es in der Gesellschaft oft die Opfer, die am Pranger stehen. Das erklärt auch, warum deutlich weniger über häusliche Gewalt an Männern bekannt ist, obwohl einer Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge jedoch jeder vierte Mann schon körperliche Gewalt von einer Partnerin erfahren musste. Mit einer Stigmatisierung der Schwäche und der Opferrolle können und wollen viele nicht leben.

Bei Frauen hätte das Schweigen aber noch andere Motive, sagt Sozialpädagogin Clara Lehmann*. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Angst, die Kinder zu verlieren oder bei Freunden oder Verwandten schlecht dazustehen, oft größer ist als die vor dem Täter. „Auch wenn viel über häusliche Gewalt geredet wird, ist es noch immer ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Niemand will die Opfergeschichte hören.“ Nicht selten müssten sich Opfer rechtfertigen und Vorwürfe anhören, warum sie geblieben seien. Der Stempel des wehrlosen Opfers hafte ihnen ein Leben lang an. „Deswegen schweigen so viele – es ist für sie einfacher, die Situation auszuhalten“, sagt Lehmann. Riekes Mutter hat es erst vor Kurzem geschafft, mit ihrer Tochter zu gehen. Für immer, wie sie ihr versichert hat. Dennoch telefoniert sie manchmal mit ihrem Noch-Ehemann. Im Gegensatz zu Rieke – sie hat den Kontakt abgebrochen.

Die Spuren, die das Erlebte bei der heute 19-Jährigen hinterlassen haben, sind spürbar. Sie wirkt reifer als junge Frauen in ihrem Alter, geht mit Menschen hart ins Gericht. „Meine Mutter ist einfach zu weichherzig gewesen. Das passiert mir nicht.“ Lange Zeit hatte sie kein Interesse an einer Beziehung, zu groß sei die Angst gewesen, in das gleiche Muster wie die Mutter zu verfallen. Ihren Freund beäuge sie manchmal mit Argusaugen, schaut auf jedes Detail, das implizieren könnte, er sei wie ihr Vater. Das Urvertrauen in Menschen ist weg. Nur eine Folge ihrer, wie sie sagt, „schrecklichen Kindheit“. Dennoch will sie positiv denken. Für Rieke hat ein neues Leben begonnen. Denn das allererste Mal in ihrem Leben fühlt sie sich sicher.

*Zum Schutz der hier genannten Personen und ihres Umfelds wurden die Namen geändert.

Fragen zum Thema häusliche Gewalt: An wen kann ich mich wenden?

...wenn ich selbst betroffen bin?

Verschiedene Institutionen bieten Hotlines an, um Betroffene zu unterstützen.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 24 Stunden am Tag erreichbar unter 08000 / 116 016.

Der Weiße Ring bietet täglich zwischen 7 und 22 Uhr Hilfe an unter 116 006.

Die BISS (Interventions- und Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt) für Wilhelmshaven/Friesland ist montags von 9 bis 11 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr zu erreichen unter 04421 / 7786974.

Die BISS Ostfriesland kann donnerstags zwischen 9 und 13 Uhr erreicht werden unter 04941 / 973222 und 04921 / 588868. 

...wenn ich sehe, dass eine andere Person betroffen ist?

Das Niedersächsische Ministerium für Soziales rät, dass bei akuter Gewalt die Polizei hinzugezogen werden sollte. Zusätzlich sei es ratsam, sich an eine Fachberatungsstelle zu wenden. „Setzen Sie betroffene Frauen nicht unter Druck und leiten Sie keine Maßnahmen gegen ihren Willen ein, auch wenn das eventuell schwer fällt.“ Dennoch sollte auf keinen Fall weggesehen werden.

Pia MirandaOnlineredaktion

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