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„Es ist erschreckend, hier in Deutschland“

Sande „Man mag gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn die Tür nicht gehalten hätte“, erinnert Pastor Jörg Zimmermann an den Anschlag auf eine Synagoge in Halle im Oktober des vergangenen Jahres. Auch viele Mitglieder der evangelischen Gemeinde in Sande hätte dieser stark beschäftigt. Zur Eröffnung des Gemeindetreffs im neuen Jahr hatte man sich daher entschlossen mehr über das Judentum und das Leben als Jude in Deutschland erfahren zu wollen. Einen Einblick gaben am Montagnachmittag Ari Eisel und Günther Storck, beide Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Oldenburg.

Fast 400 Kilometer trennen Halle (Saale) und Oldenburg. Die Auswirkungen des Anschlags am 9. Oktober 2019 habe man trotzdem sehr schnell auch hier im Norden bemerkt. „Es war Jom Kippur, da hatten wir erst einen Gottesdienst, dann eine Pause und sind schließlich zur Synagoge zurückgekehrt“ erzählt Ari Eisel. Dort angekommen sei überall Polizei gewesen und auch jetzt noch sei bei den Gottesdiensten die Polizei dabei.

„Es ist erschreckend, dass das hier in Deutschland so sein muss“, fasst er seinen Eindruck zusammen. Unsicher fühle er persönlich sich nicht. Vor rund 23 Jahren sei er zum Judentum konvertiert. „Bislang habe ich selbst noch keine negativen Erfahrungen machen müssen“, erläutert Eisel und ergänzt: „Einigen älteren Gemeindemitgliedern geht das anders, die haben Angst.“ Obwohl er sich nicht fürchte, trage er seine Kippa meist nur zu religiösen Veranstaltungen oder solchen wie im Gemeindehaus Sande. „Ich möchte die Leute auch nicht unnötig provozieren“, so Eisel. Immer wieder höre man von Gewalt gegen Juden, die eine Kippa auf der Straße getragen haben.

Ähnliche Vorsichtsmaßnahmen habe auch Pastor Jörg Zimmermann bereits selbst miterlebt. „In Bonn war ich mit einer Gruppe Konfirmanden und einigen jungen Juden unterwegs“, erzählt er. Diese nahmen draußen ihre Kippa ab. Auf die Frage, warum, habe einer der Jugendlichen sehr ernst geantwortet: ‚Ne, das mache ich nicht.’ „Das war vor bestimmt fünf Jahren, also noch vor dem Anschlag oder dem Zunehmen von Rechtsextremismus“, erklärt Zimmermann. Das Erlebnis sei beklemmend für ihn gewesen. „Es wäre doch toll, wenn alle ihre Identität zeigen und die der anderen akzeptieren könnten“, zeigt er sich überzeugt: „Wir sitzen doch alle in einem Boot.“

Das Thema löst eine kleine Debatte unter den Gästen im Gemeindehaus aus. Aktuell sei es so, dass eine Kippa auffiele und möglicherweise Integration im Wege stehe.

Gegenteiliges hat Günther Storck zu berichten. Auch er konvertierte zum Judentum. Das war vor drei Jahren, als er 90 Jahre alt war. „Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe. Ich bin mit meinem Glauben gut aufgenommen.“ In Amerika habe er lange bei Bekannten mit dem jüdischen Glauben gelebt. In Deutschland habe ein Ereignis mit Ari Eisel ihn schließlich an Wunder glauben lassen. Als dieser einem jüdischen Freund von Storck auf hebräisch vorlas, bewegte er seinen Arm, was laut dem Arzt nicht hätte möglich sein sollen.