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Lokal26.de Friesland Sande

Sander Bürgerhaus: Hoffnungsträger erwies sich als Fehlplanung – jetzt kommt das bittere Ende

30.05.2020

Sande Am Ende gab es nicht einmal eine Abschiedsparty. Ein letztes Mal wollte der Gastwirt Wolfgang „Mozart“ Gerhard an zwei März-Tagen einen Hauch kulturelles Leben in Sandes glücklosen Kulturtempel, das Bürgerhaus, einziehen lassen. Aber dann kam die weltweite Corona-Pandemie und selbst ein würdevoller Abschied blieb dem nur 28 Jahre alten Gebäude verwehrt.

„Alles traurig gelaufen, aber die Vernunft hat gesiegt“, so Gerhard in seinem Facebook-Post. Der Satz könnte auch als Resumé für die Geschichte dieses Gebäudes in der Ortsmitte stehen.

Die Absichten waren zunächst gut

Das war nicht immer so: Am Anfang standen gute Absichten – das Bürgerhaus war Teil des Marktplatz-Ensembles, eines deutlich sichtbaren Ortsmittelpunktes. Es sollte den damals noch zahlreicheren Vereinen und Gruppierungen in der finanziell prosperierenden Gemeinde eine Heimat werden, in der Gastronomie als Treffpunkt für die Bürger einladen und größeren Veranstaltungen eine Adresse geben. Überdies war es Ausdruck tiefer sozialdemokratischer Überzeugungen von kultureller Teilhabe vor Ort. Die SPD, die in Sande seit über einem halben Jahrhundert alleine den Ton angibt, wollte sich hier ein Denkmal setzen.

Der Opposition war es deshalb immer ein Dorn im Auge. Als Anfang der 2000-er-Jahre die finanzielle Lage der Gemeinde kippte, begann auch der Niedergang des Bürgerhauses. Gab es in den ersten zehn Jahren seines Bestehens noch ein nennenswertes kulturelles Leben in der Stätte, zerfledderte es zusehends. „Unter der Ägide von Dieter Günther und Hermann Pichert waren sich Rat und Verwaltung noch weitgehend ihrer politischen Verantwortung dem Veranstaltungsort Bürgerhaus gegenüber bewusst“, kommentierte im Jahr 2010 Ewald Eden den Fortgang der Geschichte. „Jedenfalls schafften sie es bis zum Ende ihrer Amtszeit den Kostenfaktor Begegnungsstätte kulturverträglich über Wasser zu halten.“

Das Haus verursachte Kosten ohne Kultur

Statt über Kultur wurde in den vergangenen 20 Jahren fast nur noch über Kosten gesprochen. Unvergessen die Haushaltsreden der CDU der 2000-er-Jahre, wo das Groschengrab schon Dauerthema war. Die SPD hingegen hielt zum Gebäude, war es doch einst Herzenssache gewesen. Doch auch dieser Rückhalt schmolz im Sog ständiger Pächterwechsel und zunehmender Auszüge von Nutzern dahin.

Es waren im wesentlichen zwei Probleme, die den Misserfolg des Bürgerhauses auslösten. Das eine war ein gemeindeübergreifendes: Der gesellschaftliche Wandel. Gruppierungen wie der Eiche-Chor und die Theatergruppe des Bürgervereins zogen nicht nur aus, sie hörten beide auch kurze Zeit später auf zu existieren. Die Zahl der potenziellen Nutzer sank in den vergangenen 30 Jahren. Und dass die Gemeinde heute mit viel Hingabe ein Kultur-Programm auf die Beine stellt, ist auch Ausdruck davon, dass aus der Kulturszene selbst diese Anstöße mangels Masse nur noch vereinzelt kommen können.

Eine große Fehlplanung

Der andere Punkt war – auch wenn viele das lange nicht wahrhaben wollten – , dass das Bürgerhaus eine Fehlplanung in jeder Hinsicht war: Die Gastronomie war zu klein, was nahezu jeder Pächter beanstandete, der Saal unförmig groß und akustisch eine Katastrophe. Zudem wurde hier eine zentrale Veranstaltungsstätte für eine Gemeinde geschaffen, die traditionell eher dezentral aufgestellt ist und schon ein beachtliches Eigenleben mit Treffpunkten in den Dörfern Neustadtgödens, Cäciliengroden und Mariensiel hatte. Das Schortenser Modell des dortigen Bürgerhauses war kaum übertragbar. Kulturell und geografisch wurde Sande zwischen den großen Häusern in Wilhelmshaven und Schortens zerrieben.

Das Bürgerhaus im eigentlichen Sinne hörte bereits vor über zehn Jahren auf zu existieren. Mit der Verpachtung an den Friesischen Rundfunk wurde die Kulturstätte zum Funkhaus und zur Schnitzelbraterei des Regionalsenders. Für die Gemeinde war es zumindest kein Kostenfaktor mehr. Das änderte sich vor drei Jahren, als Funkhaus-Inhaber Karl-Heinz Sünkenberg nach Friedeburg umzog und das Bürgerhaus zurück in den Schoß der Gemeinde flog.

Die wollte es zuletzt nur noch loswerden. Der Verkauf zog sich mehrere Jahre hin und obwohl vereinzelt Interesse gezeigt wurde, wieder etwas Kulturelles zu machen, war doch recht bald klar: Die Tage des Hauses sind gezählt. Am Dienstag kommen die Abrissbagger. Später im Jahr wird dort der Bau einer Drogerie und von Wohnungen beginnen. Das endgültige Ende des Bürgerhauses kommt freilich zu einem Zeitpunkt, wo mit der Schließung des früheren Landhauses Tapken (Leinerstift) ein weiterer großer Saal verloren gegangen ist.

Malte KirchnerFrieslandredaktion

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