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Lokal26.de Friesland Sande

Coronavirus: Friesland-Kliniken-Chef Germeroth: „Wir bereiten uns auf die große Welle vor“

04.04.2020

Sanderbusch /Varel Wenn Frank Germeroth über die Flure des Nordwest-Krankenhauses in Sanderbusch oder die des St.-Johannes-Hospitals in Varel geht, zeigt sich dem Geschäftsführer der Friesland-Kliniken ein skurriles Bild. Normalerweise, so sagt Germeroth, haben beide Häuser eine sehr gute Belegung. In deutlich mehr als 90 Prozent der 150 Betten in Varel und der 355 in Sande würden eigentlich Patienten liegen. Zurzeit gilt das nur für rund jedes zweite. In Zeiten des Coronavirus ist nichts normal. Das mache einen nachdenklich, wenn man durch ein Haus gehe, das eine offensichtliche Ruhe ausstrahlt, die wirklich nur offensichtlich sei, erzählt der Geschäftsführer am Telefon, die Leute sind angespannt. Er selbst ist weiterhin jeden Tag in beiden Krankenhäusern präsent – Homeoffice sei keine Option. „Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, die Situation zu stützen“, erläutert Germeroth, der lobende Worte für sein Personal findet.

Klinik-Chef kritisiert Krisenmanagement des Gesundheitsministers

Deutlich anders verhält es sich, wenn der Klinik-Chef auf das Krisenmanagement von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu sprechen kommt. „Alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, brauchen gerade jetzt unsere volle Unterstützung“, wird der Christdemokrat am 27. März in einer Pressemitteilung seines Ministeriums zitiert, „deswegen kompensieren wir Einnahmeausfälle, bauen Bürokratie ab und setzen Sanktionen aus.“ Für jeden gegenüber dem Vorjahr nicht stationär behandelten Patienten, erhalten die Krankenhäuser eine Pauschale in Höhe von 560 Euro pro ausgebliebenen Patienten und Tag, heißt es in dem vom Bundesrat gebilligten Gesetzespaket. „Das reicht hinten und vorne nicht“, betont Germeroth, der bereits Mitte März mit markigen Worten auf Facebook verkündet hatte, er würde dem Minister die ausgelobten Boni am liebsten vor die Füße werfen.

Im November 2018 sei es schließlich Spahn gewesen, der gefordert hatte, wer zu wenig Pflegekräfte für zu viele Betten hat, muss Betten abbauen. Genau das hätten die Krankenhäuser dann notgedrungen auch getan. Germeroth erhofft sich angesichts der gegenwärtigen Krise einen gesellschaftlichen Diskurs: Was ist uns unser Gesundheitssystem wert? Als Referenzgröße verweist der Geschäftsführer auf die Anzahl an Intensivbetten je 100.000 Einwohner. Das Statistische Bundesamt hat hierzu jüngst eine OECD-Studie ausgewertet. Deutschland kam im Jahr 2017 auf 33,9 Betten, in Spanien (2017) sind es lediglich 9,7 und in Italien (2020) 8,6. „Diese Systeme, mit denen wir verglichen werden, brechen gerade mit System zusammen“, sagt der Klinik-Chef.

Systeme brechen gerade zusammen

Umso enttäuschter zeigt sich Germeroth angesichts des weiterhin herrschenden wirtschaftlichen Drucks, der auf den Friesland-Kliniken lastet. Belegungen werden nach wie vor gemeldet, auch wenn jedes Bett, das frei gehalten werden kann, frei gehalten wird. Bund und Land könnten den Krankenhäusern diese Sorgen nehmen, betont er. „Ich hätte es als fair empfunden, wenn sie die Kosten, die entstanden sind, übernommen hätten.“

Die herrschenden wirtschaftlichen Nöte, kann also auch der Klinik-Geschäftsführer nachvollziehen. Und dennoch: Davon die Ausgangsbeschränkungen und die Kontaktverbote zu lockern, hält er nichts. Wer so etwas äußert, handele unverantwortlich. „Wir bereiten uns auf die große Welle vor, die wahrscheinlich auf uns zukommt“, sagt Germeroth.

Wie das Krankenhaus Wittmund und das Klinikum Wilhelmshaven in Zeiten der Corona-Krise arbeiten lesen Sie hier: Finanzielle Folgen noch nicht absehbar – 100 Betten sind nicht belegt | Die„künstliche Lunge“ kann Leben retten

- Bericht des Statistischen Bundesamtes zu Intensivbetten

- Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums zu Gesetzespaketen zur Unterstützung des Gesundheitswesens bei der Bewältigung der Corona-Epidemie

Carsten ReimerOnlinereredaktion

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