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Lokal26.de Friesland Schortens

Kabarettist sendet Quarantäne-Show: Florian Schroeder: „Ich kann böser, härter und schräger sein“

20.05.2020

Berlin /Schortens Entweder jetzt oder gar nicht, dachte sich Florian Schroeder. „Ich hatte ein Zeitfenster von ein paar Stunden“, sagt der Kabarettist am Telefon, „ich wusste: Du hast jetzt die Möglichkeit, abzubiegen und auf Aktion umzustellen.“ Am Abend präsentierte er erstmals seine Quarantäne-Show – ohne Masterplan, wie Schroeder erzählt. Per Instagram-Livestream wandte sich der Künstler an sein Publikum. Das war Mitte März, das Corona-Virus hatte weite Teile des gesellschaftlichen und damit auch kulturellen Lebens lahmgelegt – Schroeders Hauptberuf als Bühnenkünstler inbegriffen.

Zwei Monate später füllen sich die Fußgängerzonen der Innenstädte wieder – für die Playlist seines Youtube-Kanals gilt das schon längst. 51 Quarantäne-Shows hat der Künstler allein dort (Stand Dienstagnachmittag) platziert – die meisten Videos dauern weit länger als eine Stunde. Insbesondere mit seinem Kabarett-Kollegen Serdar Somuncu seziert Schroeder die aktuellen Entwicklungen der Corona-Krise dermaßen tiefgründig, dass sie das Programm immer wieder neu beginnen müssen: Nach 60 Minuten beendet Instagram die Übertragung nämlich automatisch. Die Zugriffszahlen geben dem Wahl-Berliner unterdessen Recht. Allein auf Youtube schauen sich mitunter mehr als 65.000 Nutzer die einzelnen Videos an.

Christian Lindner lässt die Maske (nicht) fallen

Zu Beginn habe es ihn durchaus positiv überrascht, wie viele sich tatsächlich die komplette Show ansehen, sagt Schroeder. Ein Gesprächsformat war geboren. Denn den Kabarettisten erreichten plötzlich die Zusagen so zahlreich, dass er fortan sieben Mal in der Woche sendete. FDP-Chef Christian Lindner befragte er etwa zu dessen einstigem Übergewicht und welche Rolle es für sein späteres politisches Profil gespielt habe, dass er in kurzer Zeit „krass abgenommen“ habe. „Ich kann mir Fragen erlauben“, erklärt der Künstler, „die sich ein klassischer Journalist nicht erlauben kann, ohne eine pampige Antwort zu bekommen.“ Er sei immer der Clown und könne deshalb weiter gehen, böser, härter und schräger sein. Im Falle Lindners habe er versuchen wollen, den Polit-Profi dazu zu bringen, die Maske fallen zu lassen. So ganz sei das zwar nicht gelungen, resümiert er, aber „er kam schon ins Nachdenken“.

Trotzdem die Volksvertreter offenkundig wissen, dass sie bei Schroeder verbal ins Schwitzen kommen können – so wie etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor, der zudem während des Livestreams immer wieder mit der ausbaufähigen Internetverbindung seiner Heimatstadt Ueckermünde kämpft –, begeben sie sich mit dem 40-Jährigen in den satirischen Schlagabtausch. Politiker hätten gemerkt, dass in den digitalen Medien ein anderer Diskurs möglich sei und sie sich eine neue Zielgruppen erschließen könnten, erläutert der Kabarettist, der betont, dass es ihm wichtig sei, nicht bloß „platt zu provozieren“, sondern ein Gesprächspartner zu sein, der eine Gegenposition einnehmen könne.

„Es entsteht eine neue Echtheit“

Inwieweit trifft der Eindruck zu, dass Politiker nahbarer geworden sind? Schroeder beschreibt die gegenwärtige Situation als „Navigieren am Nullpunkt“. „In diesem Moment des Improvisieren-Müssens entsteht eine neue Echtheit“, sagt er. Das wiederum bedeutet: Es müsse näher und mehr erklärt werden. Es funktioniere nicht mehr nur durch Predigten von der Kanzel herab.

Schroeder spielt unterdessen herkömmlicherweise auf den Bühnen dieser Republik – am 7. November will er mit seinem neuen Programm im Bürgerhaus Schortens auftreten. Ausgerechnet „Neustart“ wird es heißen. Dass dem so sein wird, stehe schon seit anderthalb Jahren fest, betont der Künstler und zitiert Gerhard Richter: Meine Werke wissen mehr als ich. „Manchmal wissen Titel vielleicht mehr als der Künstler selbst“, fügt Schroeder an, der sich mit dem Blick in die nahe Zukunft dieser entschleunigten und zugleich schnelllebigen Zeit schwertut. „Nur so viel“, sagt er mit dem Verweis, sich weit aus dem sprichwörtlichen Fenster zu hängen, „ich wage die Prognose, dass wir dann spielen werden.“ Allerdings sei das nicht in der gewohnten Form zu erwarten. Er glaube daran, dass es neue, innovative Modelle geben werde. Dass genau diese richtig gut funktionieren können, zeigt nicht zuletzt seine eigene Quarantäne-Show.

Florian Schroeder studierte Germanistik und Philosophie. Als Kabarettist wäre er zurzeit mit seinem aktuellen Programm „Ausnahmezustand“ unterwegs – ab September folgt „Neustart“. Dieses Programm will er am 7. November im Bürgerhaus Schortens präsentieren. Der 40-Jährige arbeitet zudem als Autor und Radio-Kolumnist. In der ARD ist er als Moderator mit der „Satire Show“ und im SWR mit der „Spätschicht“ zu sehen. Schroeder lebt in Berlin.

www.florian-schroeder.com

Carsten ReimerOnlinereredaktion

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