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Senkung der Mehrwertsteuer: Chaos in der Gastronomie befürchtet

30.06.2020

Schortens /Sande Ein Frühstück im Hotel: Es gibt frische Brötchen, dazu Orangensaft und Kaffee. Völlig normal. Inzwischen selbst in Corona-Zeiten. Für Hoteliers und Gastronomen wird es ab dem 1. Juli aber kompliziert: Brötchen, Kaffee und Übernachtung – für alles gilt ein anderer Steuersatz. Das sorgt für Chaos und viel Papierkram.

Gut gemeint, aber völlig praxisfern geplant – so beurteilt Andreas Hohlen vom Schortenser Steuerberaterbüro Von Brocken & Partner die beschlossene Mehrwertsteuer-Senkung. Aus vielen Telefonaten weiß er: Die Unsicherheit bei Betrieben ist groß. Vor allem befürchten sie einen immensen bürokratischen Aufwand.

Hotelfrühstück als Beispiel für bürokratisches Chaos

Dabei sei die Umstellung beim Einkauf von 19 auf 16 Prozent und bei Lebensmitteln von 7 auf 5 Prozent noch relativ unkompliziert zu handhaben, so Hohlen. Vor allem in der Gastronomie wird es indes kompliziert, gelten doch insgesamt zwei Regelungen.

Das Beispiel Hotelfrühstück verdeutlicht das: Vor Corona galt ein Steuersatz von 19 Prozent. Beschlossen war bereits, dass er ab den 1. Juli 2020 für servierte Speisen auf 7 Prozent gesenkt wird, ausgenommen Getränke. Macht schon mal zwei Steuersätze für Kaffee und Brötchen. Diese Regelung ist bis zum 30. Juni 2021 befristet. Dank des am Montag beschlossenen Konjunkturpakets werden nun für das nächste halbe Jahr Übernachtung mit fünf statt 7 Prozent besteuert und die Getränke mit 16 Prozent. Anschließend wird beim Kaffee aus 16 wieder 19. Nicht aber beim Brötchen. Da bleibt es bis Juli 2021 bei 7 Prozent – bis es ab Juli 2021 wieder 19 Prozent sind.

Anzahlungen werden für Handwerksbetriebe zum Problem

Handwerker und Bauunternehmen müssen sich ebenfalls auf Papierkram einstellen, denn bei der Steuersenkung zählt in jedem Fall, wann eine Leistung erbracht wurde. Hat eine Firma bereits vor dem 1. Juli eine Anzahlung für einen Auftrag erhalten, wird es also wieder kompliziert. „Dann muss alles storniert und neu berechnet werden.“ Für die Betriebe bedeute das einen großen Mehraufwand. Und dieser steht aus Sicht des Steuerberaters in keinem Verhältnis zum erhofften positiven Effekt.

Wie sehr profitiert der Kunde von den Änderungen?

Hohlen schätzt zudem, dass insbesondere kleine Unternehmen die Senkung der Mehrwertsteuer nicht komplett an ihre Kunden weitergeben. Erst recht jene Branchen, die stark unter der Corona-Krise gelitten haben.

Albert Folkens vom Wirtschaftsförderverein Sande befürchtet das nicht – zumindest im Einzelhandel: „Die Senkung der Mehrwertsteuer wird ohne Wenn und Aber an die Kunden weitergegeben – diese sollen voll und ganz davon profitieren“, versichert der Vorsitzende nicht nur für sein eigenes Küchengeschäft. Zumindest habe er von anderen Mitgliederbetrieben nichts Gegenteiliges gehört. Den großen Aufschwung erwartet Folkens indes nicht. „Die Steuersenkung kann ein Kaufanreiz sein – insbesondere bei großen Anschaffungen“, sagt er. Ein halbes Jahr sei aber viel zu kurz, um einen wirklichen Effekt erzielen zu können. Zudem stehe der Zeitraum in keinem Verhältnis zum Aufwand für die Unternehmen. „Da hätten wir uns mindestens 18 Monate gewünscht“, sagt Folkens.

Das Steuerchaos anpacken

Axel Homfeldt vom Tourismus-, Gewerbe- und Marketingvereins Schortens (TGM) sieht das anders. „Grundsätzlich ist die befristete Steuersenkung eine gute Idee, weil sie einen Impuls setzt: Geht jetzt einkaufen! Dieser Effekt wäre bei einer längeren Senkung verpufft.“

Zu der Frage, ob Einzelhändler die geringere Steuer in den Preisen berücksichtigen oder ihren eigenen Ertrag erhöhen, gebe es im TGM aber keine Absprache. Homfeldt: „Ich hätte für beide Seiten großes Verständnis.“

Probleme sieht Homfeldt aber ebenfalls im Mehrwertsteuer-Chaos bei den Gastronomen und Hoteliers. Betriebe seien schon seit Wochen dabei, ihre Kassensysteme neu zu programmieren. „Jetzt wäre die Chance, die verschiedenen Steuersätze in der Gastronomie langfristig anzupacken und anzugleichen.“

Stephan GiesersFrieslandredaktion

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