Medienhaus Brune|Mettcker
  • Anzeiger für Harlingerland
  • Jeversches Wochenblatt
  • Wilhelmshavener Zeitung
  • Shop
  • Tickets
  • Werben
  • Kontakt
 
Lokal26.de Region

Geschützt, aber einsam: Der kurze Besuch am Fenster des Pflegeheims

23.05.2020

Jeverland Schwere Wochen liegen hinter den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen und ihren Angehörigen. Das strikte Besuchsverbot, das für rund zwei Monate galt, ließ manche Träne fließen, hier und da machte sich sogar Verzweiflung breit, auch wenn das Personal aus den Pflegeheimen sein Bestes gab, immer wieder Mut zusprach und Kontakte über Telefon oder mit Bild über Skype und Whatsapp ermöglichte.

In einigen Heimen wurden zwischenzeitlich in enger Abstimmung mit dem Landkreis Friesland kreative Möglichkeiten der Begegnung geschaffen, seit dieser Woche sollen aber auch reguläre Besuche wieder ermöglicht werden.

Wie klappt das im Landkreis? Insgesamt gibt es in Friesland 24 Einrichtungen, zum Wochenbeginn waren von dort neun Konzepte geprüft und genehmigt worden, fünf weitere waren in der Bearbeitung. Etwa zwei Tage braucht der Landkreis bis zur Rückmeldung.

Selbstverständlich geht es nicht einfach zurück zu früheren Besuchsregelungen, nach wie vor geht es darum, die Ausbreitung des Coronavirus aufzuhalten. Die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen gehören zur Hauptrisikogruppe, denn die meisten haben etliche chronische Erkrankungen. „Wir ermöglichen jetzt Besuche unter ganz besonderen Vorkehrungen, unser Hauptaugenmerk liegt aber immer auf dem Schutz unserer Bewohner“, sagt Matthias Köster, Heimleiter im „Seniorenhaus Moca“ in Jever.

Bevor es zu Besuchen kommen kann, müssen die Heime ein Hygienekonzept beim Landkreis vorlegen. Darin werden alle Maßnahmen beschrieben, geregelt wird auch, dass jeweils ein Mitarbeiter bei den Besuchen anwesend ist. Die einzelnen Besuche müssen bei der jeweiligen Heimleitung angemeldet werden, Termine müssen vereinbart werden.

Von Haus zu Haus wird das unterschiedlich geregelt, manche bieten täglich Besuchszeiten an, andere haben dafür bestimmte Tage eingeplant. Sehr großzügig läuft es zum Beispiel im Alten- und Pflegeheim „An der Graft“ in Sande. Seit Ende April gibt es hier bereits täglich Besuchsmöglichkeiten. Dafür wurde ein Raum, den man gerade entbehren kann, mit Tisch und Stuhl für den Bewohner eingerichtet. Durch ein offenes Fenster kommt der Kontakt mit dem Besucher zustande. „Wir gehen auf Nummer sicher, schaffen zweieinhalb Meter Abstand“, sagt Heimleiterin Marion Schneider.

Der Besucher steht dabei im Freien, als Schutz gegen Regen oder Sonnenschein wurde ein Pavillon aufgebaut. Jeder Bewohner kann einmal in der Woche für eine viertel Stunde Besuch bekommen, es muss nicht immer die gleiche Person sein – das ist möglich, weil die Besucher das Heim ja nicht betreten. „Ich möchte so lange wie möglich dieses Konzept beibehalten, möchte Besucher nur im Notfall, wenn zum Beispiel jemand im Sterben liegt, im Haus haben“, so Schneider. Ein gutes Konzept, meinen Bewohnerin Annette Eekhoff und Tochter Ina Onken-Harms. „Wir sind froh, dass wir uns auf diese Weise einmal die Woche für kurze Zeit sehen können“, sagt die Tochter.

In der kommenden Woche soll die Terrasse des Heimes für noch mehr Kontakte sorgen, ein Teil wird abgetrennt und mit Tischgruppen im Abstand ausgestattet, sodass dann vier Bewohner gleichzeitig Besuch erhalten können. „Zwischen Bewohner und Besucher wird es am Tisch Plexiglas geben, das erhöht den Schutz“, sagt die Heimleiterin.

Schwierig ist es vor allem für dementiell erkrankte Bewohner. „Da läuft vieles über die Berührung, es wäre schon toll, wenn man sich wenigstens mal bei der Hand halten könnte, aber das ist ja derzeit überhaupt nicht möglich“, sagt Matthias Köster.

Der Heimleiter des „Moca“ beobachtet, wie schnell bei diesen Menschen die Entfremdung zum Ehepartner oder zu den Kindern fortschreitet. „Viele haben zuvor mehrfach in der Woche Besuch bekommen, so wurden die Angehörigen auch wiedererkannt. Das wird jetzt immer schwieriger“, sagt er.

Im „Moca“ wurden die ersten Besuche zum Muttertag ermöglicht, ein Raum im Foyer wurde dafür eingerichtet. So müssen die Besucher die Einrichtung nur wenige Meter betreten, die Bewohner kommen über einen anderen Eingang in diesen Raum. Weil der Besuch das Heim betritt, muss es immer die gleiche Person sein, es müssen Termine vereinbart werden, das klappt aber mittlerweile auch telefonisch. Anfangs waren schriftliche Anträge nötig, die nicht nur vom Heim sondern auch vom Landkreis genehmigt werden mussten.

Im „Friesischen Pflegezentrum“ in Accum wurde vor längerer Zeit ein Besucherfenster eingerichtet, bei dem sich Bewohner und Besucher durch eine Scheibe sehen können, sprechen können beide dann zugleich per Telefon miteinander. Heimleiterin Nadja Reiss berichtet, dass bereits ein Konzept erarbeitet wurde, sodass wohl in Kürze auch weitergehende Besuche möglich sein werden. Dafür wurde bereits ein Besucherzimmer eingerichtet.

Sie kritisiert aber auch deutlich, dass Lockerungen oft als „Schnellschuss“ kommen. „Natürlich waren wir auf ein Konzept für eine Besuchsregelung eingestellt, dennoch ist es schwierig, die Dinge von heute auf morgen umzusetzen“, sagt sie.

Viele Bewohner bedürften nämlich einer besonderen Zuwendung im Zusammenhang mit Besuchen, dann zum Beispiel, wenn der Besuch nicht nur Freude macht, sondern auch Traurigkeit hinterlässt, weil man sich nicht einmal bei der Hand halten kann oder der Besuch nur kurz dauern darf.

Annette KellinFreier Mitarbeiter

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.