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Lokal26.de Friesland Wangerland

Coronakrise: Tourismusbranche bangt um Existenz

26.03.2020

Wangerland Der Tourismus im Wangerland, der wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Gemeinde, steht aufgrund der Coronakrise still. Hoteliers, Kellner, Betreiber von Ferienwohnungen, Köche, Einzelhändler, der Fahrradverleih, der Strandkorbvermieter, die Therapeutin im Mutter-Kind-Kurheim – alle, die vom Tourismus leben, sind in großer Sorge, wie es weitergeht und welche Folgen das Ausbleiben der Gäste noch haben wird.

Angesichts der existenzbedrohenden Lage haben Tourismus-Akteure ein gemeinsames Positionspapier erarbeitet, in der sie die Situation verdeutlichen und aufzeigen, „was wir jetzt brauchen, um zu überleben“.

Im vergangenen Jahr verbuchte die Gemeinde Wangerland demnach 2,7 Millionen Aufenthaltstage von Touristen, die pro Tag zwischen 22 Euro (Tagesausflügler) und 117 Euro (Übernachtung in einem gewerblichen Betrieb) umgesetzt haben. In der Summe ergab das einen Bruttoumsatz von 180 Millionen Euro und eine Wertschöpfung von 93 Millionen Euro – also Löhne, Einkommen und Gewinne. „Davon können bei uns im Wangerland rund 4000 Menschen (einschließlich ihrer Angehörigen) leben“, schreiben die Initiatoren des Positionspapiers. Und sie fügen hinzu: „Der Corona-bedingte Komplettausfall der touristischen Umsätze trifft das Wangerland hart und zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, denn nach der Winterpause sollte die Saison jetzt zu Ostern gerade wieder richtig starten. Die Einnahmen aus der letzten Saison sind aufgebraucht.“ Niemand wisse, wie lange die Einschränkungen im öffentlichen Leben und beim Reisen dauern.

Was können die Betriebe tun?

Variable Kosten runter. Das bedeutet für Dienstleistungsbetriebe im Tourismus konkret vor allem: die Personalkosten. Viele Betriebe haben bereits für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Das entlastet die Betriebe, schmälert aber auch das Einkommen der Mitarbeiter und damit deren Möglichkeiten, im Wangerland den Wirtschaftskreislauf am Laufen zu halten. Aber Kurzarbeit gibt es zum Beispiel nicht für Auszubildende. Und ein Grundstock an Personal unter anderem für die weitere Abwicklung von Stornierungen und die Präsenz im Internet muss erhalten bleiben – auch wenn derzeit keine Einnahmen fließen. Anders ist es bei Minijobbern. Sie können gekündigt werden, wobei natürlich fraglich ist, ob sie später wieder zur Verfügung stehen. Wer keine Mitarbeiter hat, muss bei sich selber sparen: Konsum einschränken.

Verbrauchskosten runter. Energie, Pkw, bezogene Leistungen wie Reinigung, Wäsche, Waren etc.. Wenn keine Touristen kommen, ergibt sich das von selbst, aber auch hier lassen sich die Kosten nicht von heute auf morgen auf Null senken. Außerdem gibt es hier langfristige Partnerschaften. Kündigungen gefährden die Lieferanten und Partner, was zu einer Kettenreaktion führen kann.

Fixkosten strecken. Bei regelmäßigen Zahlungen wie Miete und Pacht, Kreditraten, Leasing Verhandlungen aufnehmen mit den Partnern wie Banken, Vermieter, Dienstleistern. Lassen sich Raten aussetzen, reduzieren oder strecken? Wichtig sind hier aber schriftliche Vereinbarungen.

Steuern und Abgaben senken oder stunden lassen. Die Betriebe zahlen vor Ort Grundsteuer, Gewerbesteuer, Tourismusabgabe. Hier ist die Gemeinde Wangerland gefragt, schnell zu reagieren und Erleichterungen zu beschließen. Umsatzsteuer und Kapitalertragssteuer beim Finanzamt stunden lassen (Achtung: die Lohnsteuer kann nicht gestundet werden, sondern muss geleistet werden).

Einen Plan machen. Kosten und Erlöse in verschiedenen Varianten durchrechnen für dieses und das kommende Jahr, Deckungslücken identifizieren und deren Größe konkret ermitteln. Staatliche Hilfen (Kredite, Zuschüsse, Einmalhilfen) recherchieren, nutzen, beantragen. Investitionsplanungen überprüfen, vielleicht sogar einige Maßnahmen in die Zeit ohne Gäste vorziehen, wenn es dafür Finanzpolster gibt. Die Zeit nutzen, um Mitarbeiter zu schulen, neue Ideen für den Betrieb zu entwickeln, neue Marketingstrategien zu erarbeiten, die digitale Sichtbarkeit zu erhöhen, Online-Vertriebswege auszubauen, den Kontakt zu den Gästen zu halten und so Vertrauen zu sichern und zu stärken. Gäste selbst initiativ motivieren, nicht zu stornieren, sondern umzubuchen, um die Umsätze zu sichern. Die Zeit nach Corona planen: Was wird den Gästen nach Corona wichtiger sein als bisher? Wie kann die eigene Dienstleistung dafür optimiert oder ergänzt werden? Klar ist: Gesundheit, Hygiene und Sicherheit werden eine größere Rolle spielen als bisher.

Wird das reichen?

Das ist gegenwärtig schwer zu sagen und hängt von Dauer und Ausmaß der Nachfrageausfälle ab sowie der Höhe der Rücklagen. Allerdings waren die Kosten zuletzt gestiegen, zum Beispiel durch den Mindestlohn. Rücklagenbildung ist so noch schwieriger geworden.  Die Initiatoren haben ein optimistisches Nachfrageszenario für das Wangerland vorgelegt, unter der Prämisse, dass die Coronakrise schnell vorübergeht und schon im Laufe des Mai das Reisen wieder eingeschränkt möglich ist. Bei diesem Szenario summieren sich die Übernachtungsrückgänge zwischen April und Dezember auf rund 864 000 Nächte. Die Gemeinde hat dann 2020 statt 1 987 000 kurbeitragspflichtiger Übernachtungen nur 1 124 000 Übernachtungen. Ähnliche Rückgänge dürfte es beim Tagestourismus geben. Das würde bedeuten, dass 2020 nur rund 57 Prozent der Erlöse im Vergleich zum Vorjahr erzielt werden könnten – oder andersherum, dass 43 Prozent der Erlöse verloren gehen.

Die Folgen wären: wirtschaftliche Schieflage der Betriebe bis hin zu Schließungen; Insolvenzen; Arbeitslosigkeit; fehlende Konsumausgaben auch in anderen Bereichen wie Einzelhandel, Handwerk; wegbrechende Steuereinnahmen für die Gemeinde Wangerland; fehlende Kurbeitragseinnahmen zur Finanzierung wichtiger Dienstleistungen für Gäste.

Was ist für den Tourismus nun unverzichtbar?

Stundungen, zügige Neuberechnung oder Erlass bei Steuern und Abgaben, um die Liquidität der Betriebe und Dienstleister zu sichern und die Existenz nicht zusätzlich zu gefährden. Das gilt vor Ort insbesondere für: Gewerbesteuervorauszahlungen, Tourismusabgabe, Grundsteuer;

direkte, nicht rückzahlbare Finanzhilfen, weil die gravierenden Einnahmeausfälle in 2020 nicht in 2021 oder 2022 wieder aufgeholt werden können;

Kredite, um die Liquidität der Betriebe und Dienstleister zu sichern (Banken, Land Niedersachsen, Bund) – Kredite nützen aber nur, wenn eine realistische Rückzahlungsperspektive besteht;

Unterstützung im Marketing und bei den Rahmenbedingungen durch die Sicherung der touristischen Einrichtungen und Infrastruktur, maßgeblich durch Gemeinde und Wangerland Touristik;

Unterstützung bei Anpassung der Businesspläne der Betriebe (Positionierung, Leistungen, Preise, Wirtschaftspläne);

öffentliche Investitionen in die touristische Attraktivität, um Marktanteile für das Wangerland zu sichern und der (Tourismus-)Wirtschaft Impulse zu geben.

Die Gemeinde Wangerland muss jetzt erst recht attraktive Rahmenbedingungen für die Tourismuswirtschaft erhalten und weiter schaffen: Promenaden, Wege, Freizeit- und Veranstaltungsstätten, Bäder.

Die Tourismuswirtschaft im Wangerland braucht deshalb von der örtlichen Politik und ihren Partnern wie Banken, Vermietern oder Lieferanten etc. tatkräftige, wirksame und schnelle Entscheidungen und Hilfen hier vor Ort, so die Verfasser. Die auf Bundes- und Landesebene angelaufenen Maßnahmen und die Flexibilisierung von Instrumenten zur Unterstützung des Arbeitsmarktes seien gut, aber sie würden für die Tourismushochburg Wangerland mit ihrer spezifischen Nachfrage bei Weitem nicht ausreichen.

Abschließend warnen sie: „Wenn infolge dieser Krise Kapazitäten in Beherbergung, Gastronomie, Einzelhandel oder Dienstleistern durch Insolvenzen wegbrechen, hat das zwangsläufig ein dauerhaft niedrigeres Niveau der touristischen Einnahmen im Wangerland zur Folge. Damit würde die Gemeinde auf lange Zeit wirtschaftlich geschwächt.“

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