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Lokal26.de Nordsee Wangerooge

Verzicht auf Kupfermünzen: Wird Wangerooge zum Vorbild für die ganze EU?

05.02.2020

Jever /Wangerooge Wenn es um die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Münzen geht, ist Martin Schadewald in den vergangenen Monaten zu einer Art medialem Popstar geworden. Fernseh- und Radiosender, Zeitungen und Agenturen aus dem ganzen Bundesgebiet interessierten sich für die im November gestoppte Belieferung der Insel Wangerooge mit Kleinstgeld. Und das Vorstandsmitglied der Volksbank Jever stand Rede und Antwort.

Aktuell steht die Insel Wangerooge sogar europaweit als mögliches Vorbild im Fokus. Hintergrund ist die Erwägung der EU-Kommission, die beiden kleinsten Cent-Münzen abzuschaffen. Anlass dafür seien die „Nachteile und Herausforderungen, die mit ihrer Nutzung einhergehen“., wie es in einem Arbeitspapier heißt.

Die Insel ist ein Sonderfall

Dass die Volksbank Jever als letzte verbliebene Bank mit einer Filiale auf der Insel die Belieferung mit Kupfergeld eingestellt hat, sieht Martin Schadewald zunächst einmal als Sonderfall an, der mit der Europa-Debatte in keinem direkten Zusammenhang steht. Das „Be- und Entsorgen“ von Geld, wie er es fachmännisch nennt, sei nun mal aufgrund der Insellage eine besondere und vor allem mit höheren Kosten verbundene Herausforderung. Schließlich kann die Bank nicht wie auf dem Festland einfach mit einem Geldtransporter vorfahren. Jahrzehntelang sei diese Dienstleistung kostenlos erbracht worden. Dass die gängige Praxis hinterfragt wurde, habe mit der veränderten Erlössituation aller Kreditinstitute zu tun. In Zeiten des anhaltenden Negativzinses werden alle Kostenposten hinterfragt. Beim Kleinstgeld lagen der Wert und der Kostenaufwand so weit auseinander, dass eine Fortsetzung selbst mit einer zusätzlichen Gebühr nicht mehr sinnvoll erschien..

Das Geld auf die Insel zu bringen, ist aufwändig

Warum wird das Geld aber überhaupt erst von der Insel geschafft, um es dann wieder in Rollen dort hinzufahren? Warum wird nicht das zirkulierende Geld einfach eingesammelt und wieder ausgegeben? So einfach geht es laut Martin Schadewald nicht, denn Geld dürfe von den Banken aufgrund von Gesetzen nicht einfach ungeprüft wieder in Umlauf gebracht werden. Deshalb wird es zur Bundesbank gebracht, von wo auch die neuen Rollen stammen. Die Volksbank arbeitet für den Transport mit einem Wertdienstleister zusammen, der das Geld zählt, misst und frisches Rollengeld ausliefert. Beim Scheingeld setzt die Volksbank auf spezielle Automaten, die eingezahlte Scheine genau prüfen und diese auch wieder ausgeben dürfen. Solche Automaten sind allerdings deutlich teurer als die üblichen Ausgabeautomaten.

Geld kostet Geld

„Wenn Banken die Arbeitszeit berechnen würden, wäre Geld noch teurer“, sagt Martin Schadewald. Die Volksbank Jever gibt Münzrollen inzwischen nahezu zum Selbstkostenpreis aus. 50 Cent kostet eine Münzrolle zusätzlich zum Wert der darin enthaltenen Münzen. „Für uns ist das plus minus Null“, sagt der Bankvorstand aus Jever. Bargeld sei eine Dienstleistung für die Kunden., die man gerne erbringe. „Wir sind nicht gegen Bargeld.“

Mehr Sicherheit bedeutet höhere Kosten

Ein Faktor, der Bargeld so teuer macht, ist das gestiegene Sicherheitsbedürfnis. Die Zeiten, in denen Auszubildende der Bank im Keller selbst die Münzrollen drehten, sind lange vorbei. Versicherungen und der Gesetzgeber haben heute hohe Erwartungen an die Kreditinstitute. „Keiner schleppt mehr einen Geldsack quer durch die Filiale“, so Schadewald. So dürfen Münzrollen zum Beispiel nie alleine transportiert werden. Und um je mehr Geld es geht, desto mehr Personal sei erforderlich. Auch baulich sind besondere Vorkehrungen wie Sicherheitsschleusen nötig oder Schutz für die Geldautomaten.

Nach der Abschaffung: Eine Zwischenbilanz

„Wir haben als Bank nie gesagt, was die Kaufleute machen sollen“, gibt Schadewald zum Thema Wangerooge zu bedenken. Seiner Ansicht nach ist auf der Insel genug Kleinstgeld im Umlauf. Und längst nicht jeder Händler habe mit Cent-Werten zu tun. Die Zahl der Rückmeldungen sei gering. „Es ist kein Riesenthema“. Zu anderen Erkenntnissen kam die Deutsche Presse-Agentur in einer Umfrage auf der Insel (siehe Kasten).

Andere Länder sind schon weiter als Deutschland: In den Niederlanden, Finnland und Belgien wird an Kassen bereits in Fünf-Cent-Schritten auf- oder abgerundet. Selbst wenn ein Händler immer abrunde, sei der entgangene Umsatz unter dem Strich wahrscheinlich immer noch geringer als die Kosten, Cent-Münzrollen zu besorgen, so Schadewald.

So lange Bargeld von der Bevölkerung gewünscht ist, wird die Bank auch darauf setzen. Allerdings sei ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung dafür, Kleinstgeld abzuschaffen.

Malte KirchnerFrieslandredaktion

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