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Lokal26.de Nordsee Wangerooge

Abschied: „Wangerooger Inselbote“ nach 110 Jahren Geschichte

15.02.2020

Wangerooge Im Haus Gutenberg wird schon heruntergezählt. Die Ausgabe für Januar ist erschienen, die Februar-Ausgabe in Arbeit, damit sind es nur noch sechs. Noch sechs Mal werden Hans-Friedrich und Christiane Stenzel den „Wangerooger Inselboten“ herausgeben, danach ist Schluss, endgültig. Um den 20. Juli herum werden die Leser die letzte Ausgabe ihres „Inselboten“ in den Händen halten.

Die erste Ausgabe wurde am 20. September 1910 veröffentlicht. Von Anfang an kam der „Inselbote“ monatlich heraus, um Insulaner, Gäste und Buten-Wangerooger über die kleinen und großen Ereignisse auf der Insel zu informieren. Knapp 110 Jahre später kündigten die beiden Stenzels das Ende ihrer kleinen Zeitung an. In einer Mitteilung an ihre Leser in der Dezemberausgabe 2019 heißt es: „Im Jahr 2020 wird es einen großen Einschnitt geben. Der Wangerooger Inselbote wird sein Erscheinen einstellen. Das letzte Erscheinen unter unserer Leitung wird die Juli-Ausgabe sein.“ Der 65-jährige Herausgeber und Redakteur Hans-Friedrich Stenzel geht am 1. August in Rente. „Irgendwann sollte man sich auf das Leben konzentrieren“, schreibt er. Deshalb schließt er zum Jahresende dann auch seine Druckerei, in der die Familie seit 1908 Akzidenzen, von Prospekten über Speisekarten und Plakaten bis hin zu Trauersachen, druckt. „Wir werden ein Stück mehr Freiheit haben“, freut sich Christiane Stenzel auf den Ruhestand. Das Vermietungsgeschäft der Familie laufe zwar weiter, aber ohne „Inselbote“ und Druckerei sei dann endlich Zeit für all die Dinge, die in den 36 Jahren ihrer Selbstständigkeit zu kurz gekommen seien. „Wir freuen uns auf unsere Enkelkinder und Urlaubsreisen“, zählt die 61-Jährige auf, aber auch auf Zeit für die vielen Hobbys.

Wer die beiden Stenzels kennt, hatte die Nachricht vom Einstellen des „Inselboten“ irgendwann mal erwartet. Sie kam dann doch überraschend und löste durchweg Bedauern, aber auch Verständnis aus. Buten-Wangeroogern und Inselfreunden auf dem Festland ist das Blatt im DIN-A-4-Format eine Brücke zur geliebten Insel. Die Einheimischen schätzen die Berichterstattung über das Inselleben, die keine der Tageszeitungen auf dem Festland bieten kann. Aus heutiger Sicht ist der „Inselbote“ ein Phänomen: stabile bis steigende Abonnentenzahlen, obwohl so manches Ereignis ja erst vier Wochen später seinen Niederschlag finden kann. Farbbilder waren nie eine Option. „Die Schwarz-Weiß-Fotos sind unser Markenzeichen, der Linie sind wir treu geblieben, und sie haben ja auch ihren eigenen Charme“, sagt der Herausgeber. Auch auf die schnelle Information über das Internet wird verzichtet, „das wäre für uns gar nicht zu schaffen.“

Tatsächlich bestehen Redaktion und Verlag des „Inselboten“ aus nur zwei Mitarbeitern, Christiane und Hans-Friedrich Stenzel eben. Seit 1985 führen sie den Druckereibetrieb in ihrem Haus, in dem auch die Zeitung hergestellt wird. Die Aufgabenbereiche sind klar getrennt. Während Hans-Friedrich Stenzel als Reporter unterwegs ist, fotografiert, schreibt und druckt, kümmert sich seine Frau um Buchhaltung und Logistik, setzt Anzeigen, sieht die Zeitungsartikel noch einmal durch, legt die fertigen Seiten zusammen und macht das Blatt für den Versand fertig. Ebenfalls ihre Sache ist der Vertrieb auf der Insel, das heißt: Den „Inselboten“ verteilt sie persönlich. Und doch kommt es vor, dass einer für den anderen einspringen muss. „Wir arbeiten Hand in Hand“, betont Christiane Stenzel, die schon mal mit dem Fotoapparat losläuft, wenn es brennt. Und ihr Mann übernimmt, wenn nötig, das Austragen der Zeitung. Die Stenzels führen die Druckerei mit dem „Inselboten“ in der vierten Generation.

Der Hannoveraner Wilhelm Wiegleb war es, der 1908 zunächst den Druckereibetrieb gründete. Zwei Jahre später kam der Zeitungsverlag hinzu. 1925 übernahm die Wiegleb-Tochter Else mit ihrem Mann Hans Denkewitz das Geschäft, das der Zweite Weltkrieg dann jäh beendete. Bei dem schweren Luftangriff am 25. April 1945 wurde die Druckerei zerstört. Aus den Trümmern konnte eine kleine Druckmaschine gerettet werden, mit der die Arbeit in einer Wehrmachtsbaracke wieder aufgenommen wurde. Tochter Marlies und ihr Ehemann, der Schriftsetzermeister Kurt Stenzel, führten den Betrieb ab 1956. Dank gut laufender Geschäfte konnten sie in der Anton-Günther-Straße ein neues Druckhaus bauen und moderne Maschinen anschaffen. Für ihren Sohn Hans-Friedrich stand von Anfang an fest, die Druckerei eines Tages zu übernehmen. „Mein Weg war vorherbestimmt“, erzählt der 65-Jährige und schmunzelt. In Lübeck lernte er das Buchdruckerhandwerk und arbeitete danach in verschiedenen Betrieben. 1980 kehrte er zur Insel zurück, begleitet von seiner Ehefrau Christiane, die aus einer Einzelhandelsfamilie stammt. Fünf Jahre später ging der Betrieb auf die jungen Stenzels über. „Absolut neu war für mich das Schreiben“, erinnert sich Hans-Friedrich Stenzel, „ich musste ins kalte Wasser springen.“ Eine fünfte Generation steht nicht bereit, um den Betrieb zu übernehmen. „Unsere Kinder haben sich beruflich anders orientiert“, sagt Christiane Stenzel.

Die heute 22 und mehr Seiten des „Inselboten“ zu füllen, ist für die beiden nie ein Problem gewesen. „Wir gehen mit offenen Ohren durch den Ort“, so Christiane Stenzel. Rückt die Feuerwehr aus, hat das bestimmt jemand beobachtet, der gleich zum Telefon greift, um den „Inselboten“ zu informieren. Vieles werde ihnen auch zugetragen, denn die Tür zur Druckerei stehe meistens offen. „Wir sind eigentlich immer greifbar, jeden Tag, Tag und Nacht“, sagt Hans-Friedrich Stenzel, „uns entgeht wenig“, ergänzt seine Frau.

Aus den vielen Veranstaltungen und Ereignissen, über die sie im „Inselboten“ in all den Jahren berichtet haben, ragen einige heraus. Für Christiane Stenzel ist es der Flugzeugabsturz vor 13 Jahren, bei dem es Schwerverletzte gab. „Das ist mir sehr nahe gegangen.“ Hans-Friedrich Stenzel ist die Strandung der beiden Pottwale Anfang 2016 unvergessen, eingeprägt haben sich bei ihm aber auch die Sturmfluten. Gerne erinnern sich beide an den Besuch eines Filmteams. Nach der auf NDR 3 im vergangenen Jahr in der Sendung „Nordstory“ ausgestrahlten Reportage über den „Inselboten“, haben „wir viele Abonnenten dazu gewonnen“, erzählt die 61-Jährige. „Ohne den Inselboten hätten wir viele Erlebnisse nicht gehabt“, sind sich die Stenzels einig.

Der 110 Jahre alte „Wangerooger Inselbote“ dokumentiert in Berichten, Leserbriefen und Kommentaren die ganze Vielfalt des Insellebens. Seit 1985 trägt er die Handschrift von Hans-Friedrich und Christiane Stenzel, die das Blatt zu einer Erfolgsgeschichte gemacht haben. Die mehr als 2300 Leser auf der Insel und am Festland werden ihren „Inselboten“ vermissen.

Dörte SalveriusFreie Mitarbeiterin

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