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Lokal26.de Nordsee Wangerooge

Als die Insulaner vor Neuanfängen standen

15.01.2020

Wangerooge Manchmal entscheiden Menschen selbst, wenn sie einen Neuanfang wagen wollen. Und manchmal haben sie gar keine Wahl – sie werden dazu gezwungen, neu anzufangen. Auf Wangerooge geschahen mit einem Abstand von nur 17 Jahren zwei schlimme Ereignisse, die viele Insulaner vor einen Neuanfang gestellt haben: der Luftangriff am 25. April 1945 und die Sturmflut im Februar 1962.

75 Jahre ist es her, als die Alliierten Wangerooge im Zweiten Weltkrieg aus der Luft angegriffen haben. Zwar waren zuvor auch schon feindliche Bomber über die Insel geflogen. Am 18. April wurde Helgoland bombardiert. Doch Wangerooge war bislang verschont geblieben. Innerhalb einer Viertelstunde trafen schließlich 6000 Bomben die Insel. Rund 300 Menschen starben bei dem Angriff, 63 Häuser waren komplett zerstört, viele weitere Gebäude wurden schwer beschädigt.

Einer, der damals dabei war, heißt eigentlich Hans-Ulfert Post – aber alle nennen ihn „Peo“ Post. Als die Insel bombardiert wurde, war Peo Post zwölf Jahre alt. „Wir saßen nachmittags in der Küche und haben Tee getrunken“, erinnert er sich. „Auf einmal brummte es – der Voralarm – und wir sahen, dass die Markierungszeichen abgeworfen wurden.“ In den Dünen hatte die Familie ein großes Wein- sowie ein Regenfass gelagert, darin sollte sich der junge Post damals verstecken. Sein Vater legte sich in einen Graben. Als die Bomben die Insel trafen waren das schreckliche Geräusche. „Die höre ich heute immer noch“, sagt Post 75 Jahre später. „Als wäre es erst gestern gewesen.“

Seine Familie hatte Glück im Unglück: „Ein Blindgänger lag bei uns mitten im Misthaufen, wir hatten damals Kühe. Wenn da was hochgegangen wäre, wäre alles kaputt gewesen.“ Aber abgesehen von einem schrecklichen Durcheinander blieb das Haus der Posts weitestgehend verschont. „Es sah nur so aus, als wäre ein riesiger Mehlsack explodiert. Alles war weiß und voller Staub.“

Und was geschah dann? Dann fing die Familie an zu putzen und aufzuräumen. „Alles mit der Hand, wir hatten ja kein Wasser und keinen Strom mehr.“

Als Peo über die Insel lief, an den Strand und durchs Dorf, entdeckte er die vielen kaputten Häuser. „Von der Ortsmitte bis zum Bahnhof war alles voller Bombenkrater.“ Vieles war zerstört. „Und nach und nach erfuhren wir auch, welche Wangerooger den Luftangriff nicht überlebt hatten.“ Peo Post weiß: Es war für die Insulaner damals schon deprimierend, als sie vor den Trümmern standen. „Aber irgendwie ging es dann einfach ganz langsam wieder los. Der Schutt wurde abgefahren, alles wurde entrümpelt und wieder aufgebaut.“ Ein Satz, den viele Zeitzeugen im Nachhinein sagen: Das war damals eben so. Das heißt also: Man musste sich eben arrangieren, sich nicht hängen lassen und einfach wieder „neu anfangen“ – was blieb ihnen anderes übrig?

Sturmflut auf Wangerooge

Auch Brigitte Brüggerhoff sagt diesen Satz heute noch oft. Sie erlebte in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 die Sturmflut auf Wangerooge. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie damals die Inselgärtnerei betrieben, und zwar direkt am Deich. Das Wasser zerstörte in der Nacht alles.

„Wir wussten schon vorher, dass das Wasser immer höher steigen wird. Es war schon die ganze Zeit über stürmisch“, erinnert sich die heute 88-Jährige. Urkunden, Geld und einige andere Dinge aus dem Haushalt wurden schnell aus dem Haus in Sicherheit gebracht, die Kinder sollten bei anderen Wangeroogern warten.

Als der Deich brach, standen das Haus der Familie sowie die Gärtnerei schnell unter Wasser. Als richtig dramatisch hat Brigitte Brüggerhoff die Sturmflut trotzdem nicht in Erinnerung. „Ich habe die Flucht aus Ostpreußen als entschieden schlimmer empfunden.“

Und dennoch: Für die Familie stand hinterher eine Menge Arbeit an. „Die Gewächshäuser waren kaputt, alles war matschig und dreckig. Das kann man sich nicht vorstellen...“ Berufsschüler vom Festland kamen und halfen bei den Aufräumarbeiten. Gewohnt hat die Familie eine Zeit lang in einem Haus direkt am Alten Leuchtturm.

Der Blumenladen in der Ortsmitte blieb unbeschadet – und so stand Brigitte Brügger-hoff zwei Tage nach der Sturmflut wieder dort und hat gearbeitet. Neue Ware vom Festland wurde geliefert, und so ging es trotz allem weiter. „Wir mussten ja auch Geld verdienen“, sagt die Wangeroogerin heute.

Auch Waltraud Kelm hat die Sturmflut auf der Insel miterlebt – sie war damals aber erst neun Jahre alt. „Als Kinder haben wir noch nicht das Ausmaß wahrgenommen“, sagt sie heute. Damals wohnte sie mit ihrer Familie an der Charlottenstraße, dort blieben sie von dem Wasser verschont. „Wir haben dann auch eine Familie aufgenommen, die nichts mehr hatte, außer ihren Schlafsachen.“

Acht Personen in einer Dreizimmerwohnung, man rückte eben zusammen, half sich gegenseitig. „Ich erinnere mich auch noch daran, dass wir auch unser Spielzeug abgegeben haben“, sagt Waltraud Kelm. Und zwar an diejenigen, die nichts mehr besaßen – und denen ein richtiger Neuanfang bevorstand.

Antje BrüggerhoffLokalredaktion

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