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Lokal26.de Wilhelmshaven

Inklusion: So behindertenfreundlich ist Wilhelmshaven

06.03.2020
Frage: Frau Gastmann, Sie sind Vorsitzende des Behindertenbeirates. Wie sind Sie zu dem Amt gekommen?
Sabine Gastmann: : Der Behindertenbeirat in Wilhelmshaven setzt sich aus verschiedenen Organisationen zusammen. Die Personen werden nicht gewählt, sondern bestimmt. Ich arbeite bei der GPS und leite hier den Bereich Wohnen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung und bin gleichzeitig Mitarbeiterin des Paritätischen. Über diese Funktion bin ich in den Beirat delegiert worden. Seit 2014 bin ich Vorsitzende. Vorher war ich durch meine Tätigkeit als Ratsmitglied schon 20 Jahre Mitglied.
Frage: Was genau ist der Behindertenbeirat?
Gastmann: : Ein Zusammenschluss von Menschen, die eine Behinderung haben oder sich in Verbänden organisieren, um Menschen mit Behinderung zu helfen. Wir setzen uns zusammen aus der Wilhelmshavener Kinderhilfe, dem Freundeskreis Körperbehinderte, dem Blindenverein, dem VdK, dem Interessenverein für Menschen mit Behinderungen, einem Mitarbeiter der Stadt, dem Paritätischen, dem Sozialverband, der Interessenschaft von Menschen mit Behinderungen, einem Mitarbeiter von der Agentur für Arbeit und dem Vorsitzenden des Sozialausschusses, das ist momentan Uwe Reese.

Niederflurbusse als wichtiger Erfolg

Frage:
Was macht der Behindertenbeirat?
Gastmann: : Er trifft sich alle vier Wochen und hat die Funktion, die Stadt Wilhelmshaven zu beraten und auf Dinge aufmerksam zu machen. Zum Beispiel bei neuen Baumaßnahmen werden wir eingebunden. Angenommen, es wird ein neuer Spielplatz gebaut, dann passen wir auf, dass der auch behindertengerecht gestaltet wird.
Frage:
Seit wann gibt es den Behindertenbeirat?
Gastmann: : Seit etwa 30 Jahren. Da war Wilhelmshaven Vorreiter und zählte zu den ersten Kommunen. Mittlerweile ist ein Beirat oder Beauftragter für Behinderte gesetzlich verpflichtend.
Frage: Was hat der Behindertenbeirat in den vergangenen 30 Jahren denn schon alles erreicht?
Gastmann: : Für mich fängt das an mit den Niederflurbussen, also Bussen, die abgesenkt werden können und in die man mit einem Rollstuhl hineinfahren kann. Anfangs gab es Diskussionen, ob das nicht zu teuer sei, heute ist es selbstverständlich, dass es die Busse überall gibt. Wir arbeiten auch mit der Wilhelmshaven Touristik und Freizeit GmbH zusammen. Das Wochenende an der Jade hat mittlerweile mehr behindertengerechte Toiletten. Auf Konzerten und Festivals wird mehr an Menschen mit Behinderung gedacht. Wilhelmshaven war auch Vorreiter, was Inklusion angeht. Bei der ersten Integrationsschule der Stadt, der Hafenschule, hatte der Behindertenbeirat auch seine Finger im Spiel. Seit etwa drei oder vier Jahren haben wir einen Platz im Sozialausschuss. Insgesamt hat sich das Stadtbild verändert: Bürgersteige sind abgesenkt, mehr Ampeln haben ein akustisches Signal. Da hat sich schon einiges getan. Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, dass es im Nautimo wieder einen Lift gibt, das war lange nicht so.

Rollstuhlgerechter Angelplatz im Stadtpark gewünscht

Frage: Welche Ziele hat der Behindertenbeirat für die Zukunft?
Gastmann: : Wir wünschen uns im neu gestalteten Stadtpark einen Angelplatz für Menschen im Rollstuhl. Der Wochenmarkt am Rathausplatz soll, wenn er neu gestaltet wird, so wenige Fallstricke wie möglich aufweisen. Im Moment liegen da überall Stromkabel und so weiter. Wir wünschen uns eine bessere Anbindung an den Südstrand durch öffentliche Verkehrsmittel, insgesamt könnten in der Stadt noch mehr Busse fahren. Auch mehr behindertengerechte Toiletten in der Stadt wären wünschenswert. Und ein großer Wunsch, der ja vielleicht auch in Erfüllung geht, ist ein Fahrstuhl bei der Kaiser-Wilhelm-Brücke. Ein Problem ist die Tatsache, dass Parkausweise für Behindertenparkplätze erst ab einem hohen Behinderungsgrad vergeben werden. Wir wollen, dass dieser leichter zu bekommen ist, im Moment verhindern das aber noch gesetzliche Grundlagen. Außerdem möchte der Beirat weiter dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderungen an allen kulturellen Veranstaltungen teilnehmen können. Zudem bleiben wir immer aufmerksam und schauen, wo noch Dinge verbessert werden können. Und, was ich gut finde: Wir stoßen bei der Stadt auf offene Ohren.
Frage:
Behinderungen sind ja sehr vielfältig. Kann man definieren, was eine Behinderung eigentlich ist?
Gastmann: : Das ist schwierig. Deshalb kann ich auch keine Zahlen nennen, wie viele Menschen mit Behinderung in Wilhelmshaven leben, weil es nicht erfasst wird. Grundsätzlich kann alles, bei dem Menschen Schwierigkeiten haben, als Behinderung gewertet werden. Es gibt verschiedene Behinderungsgrade und verschiedene Arten der Behinderung – zum Beispiel Gehbehinderungen, Blindheit, Taubheit, geistige Behinderungen. Ich trage eine Brille, habe also eine Sehbehinderung. Das lässt sich durch eine Brille leicht beheben, anderes nicht. Unsere Aufgabe ist es, diesen Menschen die Einschränkungen durch ihr Handicap, so weit es geht, zu nehmen.

Wilhelmshaven zeigt sich offen

Frage:
2006 haben die Vereinten Nationen ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. Hat das die Lage von Menschen mit Behinderung Ihrer Meinung nach verbessert?
Gastmann: : Ja, weil jetzt ein gesetzlicher Druck da ist, Dinge zu verändern.

Frage: Wie behindertenfreundlich ist Wilhelmshaven?
Gastmann: : Ich würde sagen, die Stadt ist zu 70 bis 80 Prozent behindertenfreundlich. Aus meiner Sicht gehört sie tatsächlich zu den Städten, die sich in diesem Bereich sehr offen zeigen, was auch damit zusammenhängt, dass wir hier Organisationen haben, die sich stark für die Rechte von Behinderten einsetzen. Ich finde insgesamt, dass die Menschen in Wilhelmshaven sehr respektvoll sind. Auch was Barrierefreiheit angeht, sieht es in Wilhelmshaven im Großen und Ganzen gut aus. Es hapert an Kleinigkeiten – zum Beispiel daran, dass Menschen ohne Handicap sich auf Behindertenparkplätze stellen. Das ist immer wieder Thema im Beirat.

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