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Lokal26.de Wilhelmshaven

20 Jahre „Expo am Meer“: Als die Welt zu Gast an der Jade war

27.06.2020

Wilhelmshaven Am Anfang des neuen Jahrtausends stand Wilhelmshaven im Blickpunkt des nationalen und internationalen Interesses und es tobte das Leben in der Stadt. Am 1. Juni 2000, nächtens um 0 Uhr, war die Expo am Meer eröffnet worden und Ende Juni/Anfang Juli feierte die Stadt unter dem Expo-Vorzeichen das Wochenende an der Jade.

Über mehrere Monate – von Februar bis Oktober – lockten zahlreiche Ausstellungen, Projekte und Veranstaltungen die Besucher an die Jade. Wilhelmshaven war Außenstandort der Weltausstellung in Hannover, einer von über 60, aber mit der bedeutendste. Unter dem Motto „Mensch, Natur, Technik“, das der Expo 2000 vorangestellt war, präsentierte man an der Jade Ideen für zukunftsweisende Technologien in den Bereichen „Umwelt“, „Leben an der Küste“, „Klimawandel“, „Seefahrt und Technik“ sowie „Kommunikation und Arbeit“.

Darüber hinaus lockten Konzerte, Feste, Kunstausstellungen, Sportveranstaltungen und die „Sail & Steam“, die Regattaveranstaltung mit Großseglern und Dampfschiffen, auf der Jade – Auftakt zu den dann jährlich stattfindenden Rennen um den Cup des projektierten JadeWeserPort. Wirtschaft, Kultureinrichtungen, Vereine – viele Wilhelmshavener brachten sich auf vielfältige Weise in das Geschehen ein.

Zunächst war die Schleuseninsel ein gewünschter Standort

Zu den unvergessenen kulturellen Höhepunkten gehörten die Aufführung des Tschaikowsky-Balletts „Schwanensee“ im Dock des Marinearsenals, die musikalisch-szenische Lesung „Peer Gynt“ von Edvard Grieg mit dem weltberühmten Schauspieler Klaus Maria Brandauer und dem aus Wilhelmshaven stammenden Dirigenten Thomas Hengelbrock, der kurz vor seinem Debüt an der Wiener Volksoper stand.

Zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen auf die Expo am Meer. Die 90er-Jahre waren die Zeit eines industriellen Niedergangs in Wilhelmshaven. Die Stadt hatte die Schließung der Olympia-Werke und manch anderer Industriebetriebe zu verdauen. Die Expo sollte bessere Wege in die Zukunft der Stadt aufweisen.

1990 gab es, nachdem Hannover den Zuschlag für die Weltausstellung bekommen hatte, auch schon erste Überlegungen, das Expo-Motto für die Küste zu übersetzen. 1992 wurde eine Projektskizze für eine „Expo am Meer“ öffentlich vorgestellt. Drei Jahre später bewarb sich die Stadt offiziell mit einem Masterplan, damals noch mit der Schleuseninsel als vorgesehenem Standort. Private und öffentliche Körperschaften aus der Weser-Ems-Region gründeten eine GmbH mit dem Ziel, die Schleuseninsel zu erschließen.

Veranstaltung bot viele Attraktionen

Doch Bund und Land spielten nicht mit, zu hoch erschienen die Kosten. Notgedrungen musste man sich vor Ort zu einem anderen Raumkonzept entschließen. Man identifizierte verfügbare Flächen und Gebäude rund um den großen Hafen. 1996 wurde die Expo am Meer als dezentrales Projekt der deutschen Weltausstellung registriert. Ein Jahr später wurde das Projekt unter Federführung des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums in einem Workshop konkretisiert und vom Rat durch entsprechende Beschlüsse auf den Weg gebracht. Und dann ging es los.

Nach einem großen Ballettabend des Badischen Staatstheaters im Februar und einer multimedialen Clubnacht in Zusammenarbeit mit mehreren Fernsehsendern Anfang Mai wurde das Ausstellungsgeschehen Anfang Juni von Kulturtagen der Azoren umrahmt. Die DLRG eröffnete ihre bundesweite Saison in Wilhelmshaven, Großsegler, Behörden- und Forschungsschiffe machten nach und nach am Bontekai fest. Modelleisenbahner trugen sich ins Guinnessbuch der Rekorde ein: Eine Korona von kleinen Modellloks setzte ein Schiff im Hafen in Bewegung.

Die „Kirche am Meer“ blühte mit zahlreichen Kultur- und gottesdienstlichen Veranstaltungen auf, im ehemaligen C&A-Gebäude (heute Freifläche neben der Nordseepassage) wurden große Werft-Modelle von Schiffen aller Art, zudem historische Schiffsmodelle präsentiert, am Bontekai entstand im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums eine Containerburg, in der die Zukunft des Seeverkehrs beleuchtet wurde, nebenan tauchte in einem kaiserlichen Torpedo-Lagerhaus die virtuelle Unterwasserwelt Oceanis auf, die vier Jahre zuvor auf der Weltausstellung in Lissabon als deutscher Beitrag für Furore gesorgt hatte und in Wilhelmshaven recycelt wurde. In der Jahnhalle, in der einige Jahre zuvor noch Wolle verstrickt wurde und die ein Investor für die Stadt zu Ausstellungszwecken umbauen ließ, gab es verschiedene thematische Ausstellungen, unter anderem auch eine Bernsteinausstellung.

Es war nicht alles eitel Sonnenschein

Das Senckenberg-Institut, das Institut für historische Küstenforschung und das Institut für Vogelforschung luden zu Vorträgen und Wissenschaftlertagungen ein. Anfang Juli ertönten die Chortage am Meer mit annähernd 3000 Teilnehmern. Es gab ein Festival des Pferdes, ein Gaffelseglertreffen, ein mehrtägiges A-cappella-Festival, ein Rock-Festival, fast zum Schluss noch ein Kurzfilm-Festival, bevor der Expo-Veranstaltungsreigen am 28. November mit einer Abschlussparty endete.

Wilhelmshaven Partnerstädte Vichy, Dunfermline und Norfolk schickten Vertreter, es kamen Hafenexperten aus Qingdao.

Doch es war nicht alles eitel Sonnenschein. Die ersten Veranstaltungswochen litten unter Regenwetter. Wie bei der Ausstellung in Hannover, wohin statt der erwarteten 40 Millionen nur 18 Millionen Besucher pilgerten, erfüllten sich die Erwartungen hinsichtlich der Besucherzahlen auch an der Jade nicht. Statt der avisierten 750.000 zahlenden Besucher in den Ausstellungsbereichen waren es nur rund 290.000, wenngleich sämtliche Veranstaltungen zusammengerechnet wohl auf eine Besucherzahl von rund 1,2 Millionen kamen, so die Schätzung der Wilhelmshaven Projekt GmbH, die mit der Durchführung der Expo am Meer betraut war, in der Schlussbilanz.

Auch in Wilhelmshaven fiel die finanzielle Bilanz mies aus

Entsprechend mies fiel auch die finanzielle Bilanz aus. Das Expo-Defizit belief sich in seiner Gesamtheit auf 1,2 Milliarden D-Mark; die rote Zahl in Wilhelmshaven lautete 16 Millionen Mark.

Bei allem Positiven, das der Expo-Sommer Wilhelmshaven und seinen Besuchern bot, gab es etliche Kritik an der Durchführung im Detail. Dazu zählten die teils nicht gerade familienfreundlichen Eintrittspreise und die sich ändernde Preispolitik, eine nicht optimale Verkehrs- und Besucherlenkung. Kritik wurde auch an den Inhalten des Gezeigten geübt; nicht alles erfüllte die thematische Vorgabe. Und schließlich: Was blieb von der Expo? Vieles ist sang- und klanglos wieder verschwunden, wie das nach zehn Jahren untergegangene Oceanis.

Ministerpräsident Sigmar Gabriel verwies damals auf den mittelbaren Nutzen der öffentlichen Infrastruktur-Investitionen mit Hilfe zusätzlicher Bundeszuschüsse. Davon profitierte insbesondere der Raum Hannover.

Hartmut SiefkenLokalredaktion

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