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Lokal26.de Wilhelmshaven

Corona-Krise: Was ist, wenn man kein Zuhause hat?

31.03.2020

Wilhelmshaven Zu Hause bleiben – so lautet die Devise nun schon seit mehr als zwei Wochen. Doch was machen die Menschen, die kein Zuhause haben? In Wilhelmshaven gibt es laut Statistik 120 wohnungslose Menschen. Die wenigsten leben tatsächlich auf der Straße. Viele kommen mal hier und mal da bei Freunden oder Bekannten unter. Dem derzeitigen Verhaltenskodex des sozialen Abstandhaltens entspricht das nicht. „Aber es geht gar nicht anders“, sagt Elke Gozdzik von der Obdachloseninitiative in Wilhelmshaven.

Regeln gelten für alle

Für Wohnungslose gelten nach Angaben der Stadt Wilhelmshaven dieselben Regeln wie für alle anderen Menschen auch: Abstand halten und die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren. „Wenn sie bei Freunden oder Bekannten unterkommen, sollten sie in der derzeitigen Lage also möglichst in einer Unterkunft bleiben und nicht wechseln und in der Öffentlichkeit Menschenmengen meiden“, heißt es in einer Stellungnahme von Pressesprecherin Julia Muth.

Essen für Bedürftige

Nach Ansicht von Elke Gozdzik sieht die Realität anders aus. Sie kenne die Wohnungslosen in der Stadt alle, sagt sie. Sie kommen nach wie vor zu ihr und ihren Mitstreitern, um sich dort mit Lebensmitteln versorgen zu lassen. Zweimal in der Woche, mittwochs und samstags von 13 bis 14 Uhr, geben die ehrenamtlichen Helfer gepackte Lebensmitteltüten an der Tür ihres Domizils an der Bismarckstraße 89 an die Bedürftigen ab. Aufhalten dürfen sich die Menschen in den Räumen der Obdachloseninitiative nicht mehr. Doch versorgt werden müssen sie dennoch.

Es gibt viele Spenden

Und es werden von Woche zu Woche mehr Menschen, die das Angebot der Initiative nutzen. „Die Tafeln haben ihre Ausgabestellen geschlossen. Wir sind die einzigen im Umkreis, die derzeit noch kostenlos Lebensmittel verteilen“, sagt Gozdzik. Alle Supermärkte und sonstigen Lebensmittelhändler, die sonst viel an die Tafel abgeben würden, helfen jetzt der Obdachloseninitiative noch mehr als sonst. „Das ist wirklich großartig“, sagt Gozdzik und zeigt sich einmal mehr begeistert von der großen Hilfsbereitschaft der Wilhelmshavener.

Als in der vergangenen Woche eine große Menge Tomaten gespendet wurden, die sich nicht über das ganze Wochenende gehalten hätte, rief sie kurzerhand zu einer Spendensammlung auf. Gesucht wurden Gläser, um Tomatensoße darin einkochen und an die Bedürftigen ausgeben zu können. Viele von ihnen kommen sonst täglich zum Mittagessen zur Obdachloseninitiative.

Am vergangenen Samstag haben die Ehrenamtlichen rund 150 voll bepackte Tragetaschen an Bedürftige ausgegeben. Weitere 50 sind an Menschen aus Risikogruppen nach Hause geliefert worden. „Alles Obst, Gemüse, Salate, Brot wurde restlos verteilt, unsere Kühlschränke sind leer“, schrieb Elke Gozdzik am Sonntag auf Facebook. Und auch die Tomatensauce hat ihre Abnehmer gefunden. Um am Mittwoch wieder Lebensmittel verteilen zu können, müssen die Ehrenamtlichen in diesen Tagen erst einmal wieder die Bestände auffüllen.

Unterstützung

Zu den Ausgabezeiten werde die Obdachloseninitiative vom Ordnungsamt sowie von der Polizei „mit Rat und Tat“ unterstützt, sagt Gozdzik und ist auch dafür sehr dankbar. Es werde darauf geachtet, dass die Menschen den Sicherheitsabstand einhalten und schnell wieder zurück nach Hause oder in ihre Unterkunft gingen.

Zimmer für Obdachlose

Die Unterkunft für obdachlose Menschen der Diakonie in der Südstadt ist derzeit ebenfalls voll belegt. Dort sind die üblichen Regeln ein Stück weit außer Kraft gesetzt worden. Normalerweise dürfen die Obdachlosen die Zimmer nur zum Übernachten nutzen und müssen morgens aus dem Haus gehen. „Sie müssen die Unterkunft seit der vorletzten Woche tagsüber nicht mehr verlassen“, sagte Wolfgang Steen, leitender Sozialpädagoge der Diakonie in Wilhelmshaven, auf Nachfrage der Redaktion. In der Unterkunft können die Bewohner auch kochen, sich also selbst verpflegen. Steen geht davon aus, dass alle Menschen in Wilhelmshaven, die tatsächlich kein Obdach haben, derzeit in der Unterkunft sind und niemand auf der Straße übernachtet.

Tagesaufenthalt

Im Gegensatz zu den meisten anderen öffentlichen Einrichtungen ist derzeit außerdem der Tagesaufenthalt für Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen in der Weserstraße noch geöffnet. Allerdings unter verschärften Bedingungen. So werden Menschen, die noch eine Unterkunft haben, gebeten, nicht in den Aufenthalt zu kommen. Alle anderen dürfen sich dort aufhalten, müssen aber den vorgeschriebenen Abstand einhalten. Die Mitarbeiter geben das Essen, das dort zum Selbstkostenpreis auch weiterhin angeboten wird, nur noch durch ein Fenster heraus, Türen bleiben geschlossen.

„Wir bieten den Menschen hier auch die Möglichkeit, zu duschen und ihre Wäsche zu waschen“, erklärt Wolfgang Steen. Allein deshalb sei es besonders wichtig, diese Einrichtung so lange wie möglich am Laufen zu halten. Wenn auch auf Sparflamme.

Soziale Arbeit

Insgesamt ist die Arbeit der Diakonie in Zeiten der Corona-Krise wie überall stark beeinträchtigt. „Das Haus lebt eigentlich von sozialer Arbeit und dem Kontakt zu Menschen“, sagt Wolfgang Steen. Derzeit werden Ratsuchende nur noch einzeln eingelassen. Beratungsgespräche werden am Telefon geführt oder es werden Termine vereinbart. Der Hilfebedarf ist derweil nicht gesunken. Die Diakonie bietet neben der Wohnungslosenhilfe auch Arbeitslosen-, Migrations- und Straffälligenhilfe sowie Sucht- und Schuldnerberatung an.

Aufmerksamkeit nötig

Insgesamt wird befürchtet, dass die Nerven besonders belasteter Menschen und Familien irgendwann blank liegen werden, wenn sie aufgrund des derzeitigen Kontaktverbotes noch lange auf engstem Raum miteinander zurecht kommen müssen. Experten befürchten unter anderem eine Zunahme von häuslicher Gewalt und von Kindeswohlgefährdung.

Für eine Beurteilung der Auswirkungen sei es derzeit aber noch zu früh, hieß es auf Anfrage der Redaktion von Seiten der Stadt. Zu ambulant betreuten Familien werde regelmäßig Kontakt aufgenommen. Außerdem gebe es telefonische Beratung. „Es ist unsere Aufgabe, die Menschen dieser Stadt zu unterstützen. Sicherlich wird es nicht ausbleiben, dass es in der Arbeit mit den Familien Rückschritte geben wird. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe, über weitere Perspektiven der Unterstützung nachzudenken“, sagt Julia Muth.

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