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Lokal26.de Wilhelmshaven

Künstlerischer Hilferuf: Night of Light: Der Nordwesten leuchtet rot

24.06.2020

Wilhelmshaven /Friesland /Ostfriesland Night of Light“ – das war in der Nacht von Montag auf Dienstag der Titel einer bundesweiten Aktion der Veranstaltungswirtschaft. Aufgrund der Corona-Pandemie sind Großveranstaltungen aller Art untersagt. Seit dem 10. März fehlt einem kompletten Wirtschaftszweig die Arbeitsgrundlage.

„Die Veranstaltungswirtschaft steht auf der Roten Liste der akut vom Aussterben bedrohten Branchen“, heißt es auf night-of-light.de. Business Events, Tagungen, Kongresse, Konzerte, Festivals oder Theateraufführungen dürfen nur unter umfangreichen, behördlichen Auflagen durchgeführt werden. Selbst Messen und kleine Events, die momentan wieder erlaubt sind, unterliegen zurzeit notwendigen und strengen Hygiene-Vorschriften. Das führt dazu, dass Veranstaltungen insgesamt zurzeit nicht mehr wirtschaftlich durchführbar sind. Deshalb hat die Branche mit der „Night of Light“ einen flammenden Appell und Hilferuf an die Politik gesandt. Alle Unternehmen aus der Veranstaltungswirtschaft sowie Veranstaltungs-Locations in ganz Deutschland haben ihre Gebäude oder stellvertretend ein markantes Objekt rot angestrahlt – vom Brandenburger Tor in Berlin über die Zeche „Zollverein“ in NRW bis zum normalerweise weißen Mühlenstumpf in Ochtersum. Dort beteiligte sich Hauke Heyen, Veranstaltungstechnik Halligalli aus Neuschoo, an der Aktion, um auf die Misere aufmerksam zu machen. Insgesamt wurden während der bundesweiten Aktion mehr als 7500 Gebäude illuminiert.

Es soll eine Lösung gefunden werden

Ziel ist es, mit der Politik ins Gespräch zu kommen und eine Lösung zu finden, wie die milliardenschwere, extrem heterogene Branche der Veranstaltungswirtschaft vor einer massiven Insolvenzwelle gerettet werden und der Erhalt von bundesweit mehreren hunderttausend Arbeitsplätzen gesichert werden kann.

In Wittmund haben Carsten Holzke und Gritje Peters erst im letzen Moment von der Aktion erfahren. Als DJ bei vielen Veranstaltungen ist auch Carsten Holzke betroffen. „Da müssen wir mitmachen“, hat er Gritje Peters zur Unterstützung aufgefordert. Eine knappe Stunde später hieß es auch am Jan-Schüpp-Brunnen „Alarmstufe Rot!“.

„Normalerweise beginnt für uns jetzt die Hauptsaison“, erklärte Wilko Erdmann, Veranstaltungstechnik Schoolmann, in Dornum. „Unser Team besteht aus vier Leuten, alle sind betroffen. Um ein Zeichen zu setzen, haben wir das Wasserschloss Dornum in Rot getaucht.“ Ein Hilferuf und ein imposantes Bild zugleich, dass leider nur wenige aus der Nähe sehen konnten. Das Schlossgelände ist zurzeit gesperrt. Eine Ausnahme für die Aktion gab es nicht.

„Es ist noch kein wirkliches Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.“ So versuchte Timo Behrends von der Veranstaltungsfirma Stereosound in Wiesmoor den Ernst der Lage in Worte zu fassen. Das Rathaus erstrahlte in stimmungsvollem Licht. Doch das war kein bezahlter Auftrag, sondern ein Hilferuf.

Für Jonny Eden aus Ardorf, Sprecher des ostfriesischen Schaustellerverbandes, sind es nicht nur die großen abgesagten Veranstaltungen wie das Schützenfest Esens, Bürgermarkt Wittmund oder der Gallimarkt in Leer, die ein großes Loch in die Kasse der Branche reißen. „Vor allem auch die kleinen und mittleren Märkte, etwa 20 im Jahr, werden uns im Landkreis Wittmund fehlen“, sagt der 74-Jährige. Und nicht nur die Schausteller seien davon stark betroffen, sondern auch Handwerksbetriebe (die beim Auf- und Abbau helfen) oder das Anzeigengeschäft für die Medien. Nicht zuletzt litten die örtlichen Vereine, die ihre Arbeit, etwa in Jugendabteilungen, zum großen Teil aus den Einnahmen bei ihren Veranstaltungen finanzieren, unter dem feierlosen Sommer.

„Die Lage ist dramatisch, darauf müssen wir aufmerksam machen“

Über Monate durften aufgrund der Corona-Einschränkungen keine Veranstaltungen stattfinden – und nur sehr langsam kommt es in diesem Bereich zu Lockerungen. Mittlerweile sind unter Auflagen Veranstaltungen mit bis zu 250 Besuchern wieder erlaubt, Großveranstaltungen bleiben allerdings bis zum 31. Oktober untersagt. Was aus Sicht der Firmen weiterhin bleibt, ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit aufgrund der strengen Auflagen. „Die Lage ist dramatisch, darauf müssen wir aufmerksam machen“, sagt Fabian Hartig, Geschäftsführer von „hw-events Veranstaltungstechnik“ in Schortens. „Durch das bis Ende Oktober geltende Veranstaltungsverbot besteht dringender Handlungsbedarf seitens der Politik, um die Veranstaltungs- und Kulturbranche am Leben zu erhalten, sonst wird es dunkel.“ Hartwig und sein Team zählten zu den Mitwirkenden, die im Jeverland Gebäude rot erstrahlen ließen – als Mahnmal. „Die Zeichen stehen auf Rot.“ Unterstützung gab es unter anderem vom DJ-Team MusicBrothers, ebenso von den Firmen „Evers PA aus Esens und LDD Veranstaltungstechnik aus Butjadingen. In Schortens leuchtete nicht nur das Bürgerhaus, sondern auch die „Tanzstelle“ sowie die Tourist-Information am Bahnhof. Ein ähnliches Bild bot sich in weiteren Gemeinden, so leuchtete auch die Diskothek „Twister“ in Sande rot.

„Wir hängen in der Luft“

Auch das Gorch-Fock-Haus bei der „Night of Light“ dabei. „Wir hängen in der Luft“, sagt Wirt Peter Brendel zur Begründung, warum er „Alarmstufe Rot“ angezeigt hat. In das „Wir“ bezieht er nicht nur sein Team ein, sondern die gesamte Branche. So hat er zum Pressegespräch auch Danny und Mike Rauchfleisch von Audio Studio Nord eingeladen.

Die Wilhelmshavener Veranstaltungstechniker haben nach eigenen Angaben seit Beginn der Corona-Krise nur noch zehn Prozent des üblichen Umsatzes zu verbuchen. Nicht viel besser sieht es im Gorch-Fock-Haus aus. „Wir sind Zielgastronomie“, sagt Brendel. Das Haus lebt nicht von Laufkundschaft, sondern von Banketten, Familienfeiern, Veranstaltungen. In den kommenden Wochen hätten sieben Schul-Abschlussfeiern mit jeweils über 300 Personen auf dem Plan gestanden. Die fallen ebenso aus wie Hochzeiten mit 70, 80 und mehr Gästen. „Davon werden uns in diesem Jahr 22 fehlen“, rechnet der Gastronom.

Er will aber nicht über die eigene Lage jammern. Das liegt auch Mike und Danny Rauchfleisch nach eigenem Bekunden fern. Dass nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga mehr als 70 Saalbetriebe im Bereich Weser-Ems in Folge der Corona-Pandemie aufgegeben haben, ist aber auch für sie ein Alarmzeichen. Welche Feiern sollen sie noch beleuchten und beschallen, wenn Veranstaltungsorte wegfallen und Künstler ihren Beruf aufgeben, weil sie keine Auftritte mehr haben, aber auch durch alle Rettungsschirme fallen, weil sie keine Betriebskosten geltend machen können?

Wie leicht man aus den staatlichen Hilfsprogrammen fällt, haben sie selbst erfahren. Weil sie durch die Autokino-Vorstellungen zu viel Umsatz gemacht haben, hätten sie aus den neuen Konjunkturspritzen nichts zu erwarten. Umsatz sei aber nicht Gewinn, heißt ihre Gegenrechnung.

Doch ist es nicht Geld, was sie vom Staat erwarten, sondern Handeln. Sie wollten arbeiten, Arbeitsplätze sichern und schaffen. „Wir wollen auch ausbilden“, sagt Mike Rauchfleisch. Aber derzeit könnten sie Auszubildenden nichts zeigen.

Land und Bund müssten endlich Klarheit schaffen und Perspektiven aufzeigen, wie es für die Veranstaltungswirtschaft weitergehen kann. Wie Peter Brendel stehen auch die Brüder Rauchfleisch voll hinter den Corona-Schutzmaßnahmen. Das Problem seien die Lockerungen. Die wirkten zu zufällig, „wie gewürfelt“.

Die Stadt Wilhelmshaven tue ihr Möglichstes, die Zusammenarbeit mit den Ämtern sei bestens. Beim Land dagegen sehen sie zu wenig Mut, einen Schritt nach vorne zu gehen. Es müsse endlich klar definiert werden, beispielsweise was eine Großveranstaltung ist. Sie können keinen Sinn erkennen, dass Tausende Menschen bei Demonstrationen zusammenkommen können, Konzerte in großen Hallen und Stadien aber weiterhin nicht möglich sind, obwohl durch Online-Ticket-Verkauf jeder Besucher mit Kontaktdaten erfasst und Hygieneregeln besser gewährleistet werden könnten.

Sie alle achteten schon im eigenen Interesse auf die Einhaltung von Schutzbestimmungen, betont Peter Brendel. „Wir brauchen unsere Gäste.“ Deshalb tue man alles, damit Gäste sich sicher und gut aufgehoben fühlen, jetzt aber auch schon bei Vorplanungen fürs kommende Jahr. Dass jetzt zehn Personen zusammen am Tisch sitzen dürfen, sei für die Gastronomie ein Lichtblick, reiche aber nicht. Es fehle die Perspektive hin zur neuen Normalität, zum Leben mit Corona. Dazu gehöre, dass Stammtische, Kegelclubs, Vereine und Chöre wieder zusammenkommen können.

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