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Lokal26.de Wilhelmshaven

Schilderungen rütteln auf: Beim Krisen-Management vergessen?

22.05.2020

Wilhelmshaven /Friesland Die Situation von Einrichtungen wie der Gemeinnützigen Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit (GPS) in der Corona-Krise habe bislang kaum Gehör gefunden, räumt die SPD-Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller ein. Das will sie ändern und informierte sich deshalb direkt vor Ort.

Über 1000 Menschen mit Behinderungen werden von der GPS an ihren sechs Standorten betreut, so Geschäftsführer Jürgen Hoffmann. Sie sind in der Regel in den eigenen Werkstätten beschäftigt, einige wenige haben auch einen Außenarbeitsplatz. Seit neun Wochen aber ist alles anders, in den Werkstätten gilt ein Betretungsverbot für die Beschäftigten. Anfangs sei es noch wie Urlaub gewesen, ein paar Tage nicht zur Arbeit zu gehen, erzählte Steffen Bitter. Längst aber sei es langweilig und zunehmend belastend. „Ihr würde viele lieber wieder in die Werkstatt gehen, Freunde und Kollegen treffen, einfach normal arbeiten – mit einem klaren Tagesablauf. Das fehlt mir sehr!“

Noch dramatischer beschrieb Carmen Radtke, die im Gegensatz zu Bitter nicht zu Hause, sondern im betreuten Wohnen lebt, ihren Alltag. Üblicherweise ist sie als Hauswirtschafterin im Kindergarten tätig. In Zeiten der Notbetreuung aber sei ihr das nicht möglich. Schlimmer noch: Auch in der Wohngruppe galt Besuchsverbot. So habe sie ihre 15-jährige Tochter, die in einer Pflegefamilie lebt, und auch ihre Mutter seit Wochen nicht sehen können. Kontakte beschränkten sich auf Telefon und WhatsApp – sofern das Netz hielt. „Aber wenn bei uns alle im Internet sind, bricht es oft zusammen.“ Inzwischen sind Einzelbesuche möglich.

Trotzdem: Die Isolation der Wohngruppe, zu der unter anderem ihr Lebenspartner gehört, sei psychisch kaum zu ertragen. Streitigkeiten untereinander sowie die Angst um die Familie und vor einem Ende bestehender Freundschaften, die nicht gepflegt werden könnten, ließen ihre Nerven inzwischen blank liegen, schilderte sie unter Tränen.

Vielen ginge es wie den beiden, stellte Jürgen Hoffmann fest. Neben den persönlichen Krisen gäbe es aber auch grundsätzliche Auswirkungen der Corona-Krise auf die GPS – vor allem wirtschaftlich. So fielen durch die Schließung der Werkstätten alle Einnahmen aus der Produktion weg, mit denen die Löhne der Beschäftigen bezahlt werden. Das müsse ausgeglichen werden. Über das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) habe die GPS die Leistungsentgelte aber nur zu 75 Prozent bezahlt bekommen. Über 500 Mitarbeiter mussten deshalb in Kurzarbeit geschickt werden. Die hätten die Beschäftigten in der Produktion teilweise ersetzen können und auch wollen, weiß Hoffmann. „Mit Kurzarbeit ging das nicht!“ Sogar ein Auftrag zum Schneidern von Masken habe abgelehnt werden müssen.

Warum es das Betretungsverbot für die Werkstätten noch immer gebe, sei völlig unverständlich, sagt Dr. Christian Andrae (GPS). Laut Verordnung des Landes Niedersachsen gelte es noch mindestens bis zum 27. März. „Die Werkstätten wären top-vorbereitet, sofort wieder loszulegen – wahrscheinlich sogar besser als die Schulen. Hier ist alles geregelt und die Hygienevorschriften waren auch schon vor Corona strikt. Es ist einfach bitter, dass man uns nicht zutraut, die Situation eigenverantwortlich zu regeln.“

Siemtje Möller zeigte sich zum Teil überrascht von den Schilderungen und versprach sich für die Belange der GPS und insbesondere ihrer Beschäftigten stark zu machen. Als erstes müsse das Betretungsverbot aufgehoben werden, stellte die Politikerin fest. Es scheine ihr ein wenig willkürlich, dass in anderen Bereichen nach individuellen Lösungen gesucht werde, die Behinderten dabei aber vergessen würden.

Wenn die aktuelle Krise etwas Positives habe, dann, dass wieder über Daseinsvorsorge diskutiert werde. „Ich hoffe, dass soziale Berufe insgesamt nachhaltig gestakt werden“, so Möller Es könne nicht sein, dass dort, wo vor allem Frauen hingebungsvoll arbeiteten, später Alltagsarmut drohe. Jürgen Hoffmann erinnerte hier vor allem die in der Eingliederungshilfe Tätigen – seiner Meinung nach eine „vergessene Mitarbeiterschaft“.

Lutz RectorLokalredaktion

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