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Lokal26.de Wilhelmshaven

Ein Wilhelmshavener Institut an die Weltspitze gebracht

15.01.2020

Wilhelmshaven Die Wikipedia-Liste der Persönlichkeiten von Oberndorf am Lech müsste dringend um einen Namen erweitert werden – um den des gebürtigen Oberndorfers Franz Bairlein, den in der Welt hoch anerkannten Vogelzugforscher.

Der Direktor des niedersächsischen Instituts für Vogelforschung – Vogelwarte Helgoland ist seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Fast 30 Jahre führte er das Rüstersieler Institut – heraus aus einem Dornröschenschlaf an die Weltspitze der Vogelzugforschung. Bahnbrechende Erkenntnisse über die genetische Bedingtheit des Zugverhaltens, die Zugwege, zum Stoffwechsel der Zugvögel, ihre Rast- und Überwinterungsgebiete und die Gefährdung durch den Menschen, der ihre Lebensräume zunehmend zerstört, sind auch ihm und seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern im Institut zu verdanken.

Uni-Kooperation

Höchste Ehrungen in Fachkreisen weltweit erkennen Bairleins Verdienste an. Er verstand es, der Bedeutung der Vogelzugforschung bis hin zu den Vereinten Nationen Anerkennung zu verschaffen.

Das Land Niedersachsen unterstützte das Institut nach Kräften, erweiterte dessen Etat, ermöglichte bauliche Erweiterungen und sorgte für eine solide finanzielle Grundausstattung, auf deren Grundlage es Bairlein und seinen Kollegen leichter fiel, Drittmittel für Forschungsprojekte zu akquirieren.

Bairlein etablierte darüber hinaus an der Universität Oldenburg, wo er lehrt, den Schwerpunkt Ornithologie im Master-Studiengang, den es in dieser Art in Deutschland sonst nicht gibt. Dies trägt zur Sicherung des wissenschaftlichen Nachwuchses am Institut mit bei, das im Übrigen aber Nachwuchsforscher und Studenten aus aller Welt zu Gast hatte und hat. Die Liste der Arbeiten von Masterstudenten und angehenden Doktoren, die Bairlein betreut hat, ist kaum zu überblicken – genau wie die Liste seiner wissenschaftlichen Fachveröffentlichungen.

Zur Sicherung der engen Verzahnung von Forschungsarbeit am Institut und Lehre in Oldenburg war es ihm wichtig, dass die Nachfolge in der Institutsleitung und der Professur in Oldenburg vom Institut und der Universität gemeinsam ausgeschrieben wurde. „Aus der Wahl der Person meines Nachfolgers allerdings halte ich mit bewusst heraus“, sagt Bairlein. Es sei ein Ruf an einen Kandidaten ergangen, geplant sei, den neuen Institutsleiter gleichzeitig mit der offiziellen Verabschiedung Bairleins im März vorzustellen.

Neue Projekte

Bairlein bleibt dem Institut als Forscher erhalten. Er arbeitet an einem internationalen Projekt, an dem andere Institute und Universitäten beteiligt sind und das er mit konzipiert und dessen Finanzierung gesichert hat. Außerdem wird er als Fellow an das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell und Konstanz berufen, um dort einen Forschungszweig zu etablieren. Dabei geht es im Wesentlichen um das Schwarmverhalten von Vögeln. „Wieso stoßen Stare im Schwarmflug nicht aneinander, wie koordinieren sie die Richtungsänderungen?“ lautet eine der Fragestellungen dort, die aber auch für andere Tierarten, wie Fische, gelten.

Indien-Professur

Ferner wird er seine Professur an der Rajiv-Ghandi-Universität in Itanagar im indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh behalten und möglicherweise ausbauen. Hier unterrichtet er seit fünf Jahren im Blockmodell für vier bis sechs Wochen im Jahr. „Der tropische Regenwald im Nordwesten Indiens ist ein Hotspot der Biodiversität“, sagt Bairlein. Leben in Deutschland rund 320 Vogelarten, sind es in dem tropischen Dschungel über 1000. Doch die Kenntnisse der Einheimischen über ihre Vogelwelt sind gering. Das will man nicht zuletzt mit Bairleins Hilfe ändern, dem vorschwebt, eine Beobachtungsstation im Dschungel aufzubauen.

Nichtsdestoweniger bleibt ein großer Koffer in Wilhelmshaven stehen, nicht nur des hiesigen Forschungsprojektes wegen. Sein Sohn Christian arbeitet als Orthopäde im Klinikum und übernimmt das Eigenheim, das sich Vater Franz mit seiner Frau, die vor einigen Jahren zu früh verstarb, in Nachbarschaft des Instituts eingerichtet hat. Bairleins Tochter lebt in Wuppertal. Bairlein wiederum verlegt seinen privaten Lebensmittelpunkt in die Nähe von Nürnberg – nicht mehr ganz so weit von den Wäldern entfernt, in denen er seine Liebe zu den Vögeln entwickelte.

Als Bub streifte er, am 7. Dezember 1952 geboren, durch die Natur rund ums schwäbische Oberndorf am Lech, wo sein Vater einen Gutshof verwaltete. „Viele in meiner Verwandtschaft waren Landwirte“, erzählt Bairlein. Mit einem Fernglas machte er sich auf die Pirsch. Sein Biologielehrer, ein passionierter Ornithologe, gab ihm Tipps zur Beobachtung.

Radolfzell

Derart geprägt, nahm Bairlein nach seinem Abitur in Konstanz das Studium der Biologie, Chemie und Physik auf, um sich schließlich für die Biologie und die Vogelforschung zu entscheiden.

In Radolfzell befindet sich seit 1946 eine Vogelwarte, die aus dem ostpreußischen Rossitten übergesiedelt war. Sie wurde im Mai dieses Jahres in das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie eingegliedert und fungiert weiterhin als Tiermarkierungszentrale. Bei den Radolfzeller Vogelforschern schrieb der Konstanzer Student seine Diplom- und Doktorarbeit.

Seit 1990 in WHV

Als Postdoktorand blieb er noch zwei Jahre in Radolfzell und wechselte 1982 als wissenschaftlicher Assistent an die Universität Köln, wo er sich vor allem mit Insekten befasste – die vielen Vögeln ja als Nahrung dienen. Hier habilitierte er sich 1986 und lehrte drei Jahre, bevor er zu einem Forschungsjahr in die Vereinigten Staaten an die University of Southern Mississippi in Hattiesburg aufbrach.

Von dort aus bewarb er sich 1990 auf die Stelle des Direktors des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven als Nachfolger von Prof. Dr. Nicolai. „Diese Chance, eines der beiden Vogelforschungsinstitute in Deutschland zu leiten, wollte ich mir nicht entgehen lassen“, sagt Bairlein. „Es eröffnete mir die Chance, vieles zu erreichen.“

Ein Jahr später übernahm er einen Lehrauftrag an der Universität Oldenburg. 2015 kamen Professuren in Indien hinzu, und zwar zunächst an der Gurukula Kangri Universität in Haridwar und dann an der Rajiv-Ghandi-Universität in Itanagar im Bundesstaat Arunachal Pradesh.

Während seiner wissenschaftlichen Laufbahn führten Expeditionen Bairlein in die Überwinterungsgebiete der europäischen Zugvögel in Nordwest-Afrika, an der Elfenbeinküste, in Nigeria, aber auch in Französisch Polynesien, Alaska und Kanada.

Viele Auszeichnungen

Seine bahnbrechenden Forschungen fanden in der wissenschaftlichen Welt vielfache Anerkennungen: 1985 erhielt er den Heinz-Meier-Leibniz-Preis für Ökophysiologie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), 1987 wurde er Heisenberg-Fellow der DFG, 1991 erkannte die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft ihm den Ornithologen-Preis zu, weitere Preise folgten mit der Witherby Memorial Lecture des Britsh Trust for Ornithology (2001), er wurde Ehrenpräsident der Merseyside Ringing Group im Vereinigten Königreich (2002), Corresponding Fellow der amerikanischen Ornithologen-Vereinigung (2004), er erhielt darüber hinaus den Medienpreis für Meteorologie (2009), die Landschaftsmedaille der Oldenburgischen Landschaft (2010), er wurde Ehrenpräsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (2015) und wurde mit dem Marsh Award für internationale Vogelforschung des Marsh Christian Trust für Ornithology ausgezeichnet (2015).

Ratgeber der UN

Die Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen auf nationaler und internationaler Ebene hier aufzuführen, dafür genügt der Raum nicht. Herauszuheben ist allerdings seine Präsidentschaft der Internationalen Ornithologen-Vereinigung (IOU) von 2010 bis 2014 und seine Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Ratgeber-Gremium bei den Vereinten Nationen im Rahmen der Weltnaturerbe-Initiative zur Erforschung der Seeflugwege von Zugvögeln.

Ebenso arbeitete Bairlein als Herausgeber wissenschaftlicher Fachbücher, Zeitschriften und Nachschlagewerke.

Hartmut SiefkenLokalredaktion

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