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Lokal26.de Wilhelmshaven

Wirtschaft: Wilhelmshavener Geschäfte kämpfen mit der Krise

30.03.2020

Wilhelmshaven Es ist ein Bild, an das sich viele aktuell erst einmal gewöhnen müssen, es aber nicht wollen oder können. Das Leben in den Straßen der Jadestadt scheint eingeschlafen, der Großteil der Geschäfte hat geschlossen. Wer in Zeiten der Corona-Krise seinen Laden dennoch – wenn auch nur teilweise – geöffnet haben darf, sieht es mit gemischten Gefühlen. Freude kommt nicht auf.

Für viele geht es um die Existenz, viele Mitarbeiter fürchten um ihren Job. Es ist wie ein Rattenschwanz, an dem weit mehr als nur das Schicksal einzelner Personen hängt. Und gerade jetzt, wo der Frühling einzieht, beginnt für viele die Saison. „Die Ware ist da, doch wir dürfen nichts verkaufen. Der Laden ist zu, nur Reparaturen in der Werkstatt sind erlaubt. Heute Vormittag haben wir vier Fahrräder bekommen, an denen etwas kaputt ist“, erzählt Karlheinz Hinrichs von Fahrrad Jungmann.

Während er an einem der Drahtesel schraubt, nimmt ein Kollege Anrufe entgegen und betreut den DHL-Paketshop. „Den ein oder anderen Auftrag gibt es schon, aber es ist deutlich weniger als regulär. Gerade jetzt, wo das Wetter so schön ist, hätten wir schon zahlreiche Fahrräder verkauft und deutlich mehr repariert“, so Hinrichs. Ihm tut es nicht nur für sich und seine Kollegen leid, sondern auch für alle anderen. „Es gibt viele Vermieter, die leben von Touristen. Bleiben die aus, kommen auch weniger Kunden in einen Fahrradladen – jeder ist von jedem abhängig. Auch andere Betriebe kämpfen, sind auf jeden Cent angewiesen“, sagt Hinrichs.

Genau aus diesem Grund sitzt auch Olaf Wallasch sechs Tage die Woche in seinem Haushaltswarengeschäft in Fedderwardergroden. Auch hier gilt: Reparieren ja, verkaufen nein. „Nur online oder telefonisch kann noch bestellt werden. Wir liefern auch – innerhalb von Wilhelmshaven kostenlos“, sagt Olaf Wallasch. Zahlreiche Rasenmäher und eine elektrische Heckenschere stehen im Laden Schlange und möchten repariert werden. „Klar, wir dürfen wenigstens noch etwas machen, während andere komplett geschlossen haben. Es gilt jetzt, sich irgendwie über Wasser zu halten. Doch selbst der Onlinehandel funktioniert derzeit überhaupt nicht. Wenn doch jemand bestellt, müssen wir es liefern und können es nicht am Laden überreichen“, sagt er.

Auch in der Innenstadt tobt der Bär schon seit Tagen nicht mehr. Zwar sind ein paar Passanten zu sehen, doch die wenigen Geschäfte, die noch geöffnet haben (dürfen), haben nur selten Kundschaft. „Wir schließen unsere insgesamt sieben Filialen ab Mittwoch komplett“, erzählt Wiebke Babatz von Brillen Babatz. Dann werde es lediglich noch eine Nummer für Notdienste geben, um einen Termin zu vereinbaren. „Alles andere macht wenig Sinn.“ Heute und morgen sind die Filialen noch geöffnet, Reparaturen und Rezepte werden bearbeitet, aber auch der Verkauf von Pflegemitteln, Kontaktlinsen und Zubehör ist möglich. „Wenn es etwas bringt, dass die Läden alle geschlossen haben müssen, dann ist es gut. Dennoch ist die Situation für alle eine große Herausforderung.“

Nur wenige Meter weiter glänzen vor der Tür mehrere Laibe Käse. Sören Pröger steht hinter der Theke von „Käse und Oliven“ und hat auch dieser Tage geöffnet – schließlich handelt es sich bei seinen Waren um Lebensmittel. Diese gibt es auch in der westlichen Marktstraße, wo verschiedene orientalische Lebensmittelläden geöffnet haben.

Doch die Menschen in Wilhelmshaven halten sich zunehmend an den Vorschriften, anders sind die leeren Straßen nicht zu erklären. „Was ich bisher so mitbekommen habe, entspricht nicht dem Gerede in sozialen Netzwerken. Im Gegenteil: Die Leute, die ich sehe, verhalten sich alle sehr vorbildlich und rücksichtsvoll“, sagt Michael von den Berg vom „Teepalast“ in der Nordseepassage. Von Umsatz und Geld könne man derzeit nicht sprechen, er sieht sich derzeit eher als „Kummerkastentante“. „Ich sabbel sehr viel mit den Leuten. Es geht mir aktuell mehr um das Soziale und Zwischenmenschliche. Wir brauchen in dieser Zeit auch keine Umsätze machen, wenn andere Kollegen auch nichts verdienen können. Wir sitzen alle gemeinsam in einem Boot“, sagt er.

Wenngleich diese Krise eine große Herausforderung sei und auch die Angst umgeht, was die Zukunft bringt (Von den Berg: „Wenn man eines Tages Insolvenz anmelden müsste, aufgrund einer Situation, die man nicht selbst lenken kann, wäre das extrem bitter.“), blickt er auch optimistisch nach vorne: „Es ist irre, wie sich die Wilhelmshavener verhalten. Wenn es einer schafft, diese aktuelle Zeit zu schaffen, dann sind wir es.“

Neben dem Lebensmittelmarkt, den Bäckereien und einem Drogeriemarkt sind in der Passage unter anderem auch der Fischverkauf sowie das Reformhaus Ebken geöffnet. Dort kauft Steffen Kerbaum gerade ein und achtet genau auf die Vorschriften wie Abstand halten. An diesem Samstag soll es ein Brot sein, das Mitarbeiterin Alexandra Lauers gerade einpackt. Dabei steht sie hinter einem Niesschutz an der Kasse.

Diesen weist auch der Kiosk an der Werdumer Straße in Altengroden vor. Provisorisch selbst errichtet steht André Ilausky hinter einem mit Folie umwickelten Holzbock. „Wir bekommen aber in Kürze noch etwas von der Post“, erzählt er. Natürlich ist die Poststation sowie der Verkauf von Zigaretten und Zeitschriften derzeit am meisten gefragt. Täglich bis 21 Uhr ist der Kiosk geöffnet – selbst über Ostern. Und die Kundschaft? „Es wird schon gut angenommen, aber man merkt auch, dass es weniger ist als gewöhnlich. Die meisten Menschen reagieren verständnisvoll, aber es gibt auch einige wenige Ausnahmen“, erzählt er weiter. Derzeit darf sich immer nur ein Kunde im Inneren aufhalten, die anderen müssen vor der Tür warten.

Sicher ist die Situation für viele derzeit nicht zufriedenstellend – weder für Geschäftstreibende noch für Kunden. Doch gerade jetzt zeigt sich, wie stark die Menschen zusammenhalten können. Jeder steht dem anderen nahe und bangt mit ihm um seine Existenz. Bei unserem Streifzug durch Wilhelmshaven handelt es sich nur um ein paar exemplarische Geschäfte, die ihre Türen, wenngleich auch nur für geringe Leistungen, öffnen. Darüber hinaus sind auch weitere Läden – wie beispielsweise der Dorfladen in Sengwarden – geöffnet. Zudem gibt es auch Geschäfte, die telefonisch Termine vergeben sowie Gastronomen, die einen Lieferdienst anbieten.

Michael HackerLokalredaktion

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