Medienhaus Brune|Mettcker
  • Anzeiger für Harlingerland
  • Jeversches Wochenblatt
  • Wilhelmshavener Zeitung
  • Shop
  • Tickets
  • Werben
  • Kontakt
 
Lokal26.de Wittmund

Fit für den Klimawandel: Im Wittmunder Wald sollen die Fichten weichen

30.05.2020

Wittmund Nach den katastrophalen Bildern aus den Hitzesommern 2018 und 2019 ist der deutsche Wald quasi aus den Medien verschwunden. Im Wittmunder Wald beobachten die Besucher teilweise mit Unverständnis die Anstrengungen der Forstleute, Schäden zu begrenzen und den Wald fit für den Klimawandel zu machen. „Die Förster zersägen unseren Wald“, hört man sie untereinander raunen. Aber was passiert da wirklich? Die Leiterin des Naturschutzhofes Wittmunder Wald, Dr. Johanna Umbach berichtet:

Jan-Michel Schmeling blickt aufmerksam in die Kronen der Fichten. Er sucht das verräterische Glitzern austretenden Harzes, wenn sich der Baum gegen den Borkenkäfer zu wehren versucht. Unter einer schlanken Fichte bleibt er stehen und deutet auf die Harzspuren: „Um diese Zeit fliegen die Männchen aus, um eine neue Bruthöhle zu suchen. Als erstes fliegen sie Bäume an, die von der Trockenheit geschwächt sind und wenig Harz produzieren können“, erklärt der Förster der Landesforsten. „Dann müssten die Käferbäume eigentlich so schnell wie möglich aus dem Wald, um zu verhindern, dass sie sich explosionsartig vermehren und andere Bäume anfliegen können.“ Aber die großen Ernte- und Transportmaschinen werden zurzeit vor allem im Harz und im Solling eingesetzt, wo die Schäden viel größer sind.

Die Fichtenmonokultur im Wittmunder Wald ist im Vergleich winzig und viel weniger betroffen. Trotzdem erkennt man hier die Probleme, die den Wald in ganz Deutschland betreffen. „Es gibt kaum eine Baumart, die nicht unter dem Klimawandel leidet. Die massiven Probleme der Fichten, die Trockenheit nicht vertragen, kennen ja viele, aber auch Buchen, Eichen, Eschen, Kiefer sind geschädigt, fast alle heimischen Bäume leiden derzeit.“ Vor allem der Wassermangel schwäche sie gegen Schädlinge, die sich wiederum unter warmen Bedingungen besonders gut vermehren.

Ziel: 65 % Laubbäume

Diesen Fichtenbestand will Schmeling in den kommenden Jahren zu einem Mischwald mit überwiegendem Anteil an Laubbäumen umgestalten. Bereits seit 1991 streben die Landesforsten Mischwälder mit 65 Prozent Laubbäumen an. Denn ein Wald mit vielen verschiedenen Arten ist resistenter gegen einen Totalausfall durch Schädlinge, Trockenheit oder Wind. Wenn eine Art ausfällt und abstirbt, übernimmt eine andere Art ihren Platz, ohne dass der ganze Wald zugrunde geht. „Nach den letzten Trockensommern arbeiten wir zurzeit fast nur noch reaktiv, versuchen die Schäden zu begrenzen. Normale Forstarbeiten sind selten geworden. Wir können kaum noch aktiv den Umbau so gestalten wie geplant,“ sagt Schmeling. In manchen Landesteilen sind hunderte Hektar Fichtenmonokulturen eingegangen – so gibt keinen Schatten mehr für heimische Baumarten wie Buchen, die dort eigentlich geplant waren, aber in der direkten Sonne nicht gedeihen. Es muss also zuerst ein anderer „Schirm“ gepflanzt werden, der die Aufgabe der Fichten übernimmt. Exotische Arten, die resistenter gegen Trockenheit sind, könnten diese Aufgabe übernehmen. Allerdings sollen nichtheimische Arten wie etwa Roteiche, Douglasie und Küstentanne eher unauffällig zwischen heimische gepflanzt werden, weil ihre Auswirkungen auf unsere Ökosysteme oftmals noch nicht geklärt oder nachteilig sind. Es gehen damit langsam die Optionen aus, was überhaupt noch gepflanzt werden kann.

Dass großflächige Monokulturen der Artenvielfalt schaden, haben Naturschützer bereits seit Jahrzehnten bemängelt. „Aber jetzt geht es plötzlich extrem schnell. Der geplante Waldumbau der Landesforsten ist quasi vom Klimawandel überholt worden“, erklärt Rainer Städing, Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten für den Nordwesten. „Der Holzmarkt ist mit dem Käferholz mehr als übersättigt, die Preise verfallen und durch Corona kann derzeit auch kaum Holz nach Asien exportiert werden“. Das bedeutet wiederum, dass in weniger betroffenen Wäldern wie in Wittmund alte erntereife Fichten oft einfach stehenbleiben müssen und damit verhindern, dass Licht für gewünschte Laubbaumarten entsteht. Der Umbau zu einem stabilen Mischwald wird so nochmals um einige Jahre verzögert.

Im Wittmunder Wald ist Jan-Michel Schmeling in einem Waldstück angekommen, das ihm gut gefällt. Er schaut sich zufrieden um: Hier hat sich der Wald natürlich verjüngt, einige alte Fichten wurden vom Wind umgeworfen und es ist Platz für Buchen entstanden, die sich im Halbschatten zum Licht strecken. Am Boden stehen Himbeeren und in Kniehöhe hunderte Weißtannen. „Das ist wirklich eine besondere Lage hier“, freut sich Schmeling. „Normalerweise verbeißen Rehe und Wildschweine Weißtannen als Leckerbissen. Hier haben wir durch das ozeanische Klima Glück, die Tannen wachsen so gut, dass sie dagegen ankommen.“ Die heimische Weißtanne ist sozusagen ein Gewinner im Klimawandel, kommt gut mit Sonne und Trockenheit zurecht und soll deswegen gefördert werden. Vor allem in Süddeutschland fordern Naturschützer deswegen, Jagdgesetze zu verschärfen und gegen die Jägerlobby vorzugehen, um Weißtannenbestände vor zu viel Wildverbiss zu schützen. In Norden dagegen kommt der Tanne das Klima entgegen und sie kann sich gegen die Tiere durchsetzen.

Die Zeit wird knapp

Aber auch andere Probleme erschweren es Förstern wie Schmeling, ihren Wald für den Klimawandel zu rüsten. In staatlichen Wäldern darf nur anerkanntes, herkunftssicheres Saatgut verwendet werden, und dieses ist derzeit knapp.

Einen Wald umzubauen dauert lange und es erfordert Fingerspitzengefühl im Umgang mit der Öffentlichkeit. Vor allem, wenn der Wald als Naherholungsgebiet genutzt wird und sich die Menschen mit ihm verbunden fühlen. Es rollen große Maschinen an, fällen Bäume und der Wald verändert sich. Hier die Spaziergänger aufzufangen, die den Verlust eines alten Baumes beklagen, und ihnen das Vorgehen zu erklären, gehört ebenso zum Job des Försters. Die Zeit wird zunehmend knapp für ihn und seine Kollegen. In Zeiten von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen kämpfen sie vor den Augen aller derjenigen, die den Wald als Ausflugsziel wiederentdecken.

Ihre Meinung

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.